Buchtipp: „Was nie geschehen ist“

Was nie geschehen istDie meisten von uns haben vermutlich Phasen durchlebt, in denen das Verhältnis zu den Eltern oder einem Elternteil belastet war und eine echte Verständigung kaum möglich war, weil die Wahrnehmung zu weit auseinander gegangen ist. Manchmal führt das sogar zum Kontaktabbruch. Nichterfüllte Erwartungen, Sehnsüchte, Sprachlosigkeit, Unverständnis. Aber kann das überhaupt anders sein? Gibt es die eine Wahrheit? Kann die Wahrnehmung von Mutter und Tochter überhaupt übereinstimmen?

Mit diesem Thema befasst sich Nadja Spiegelman in ihrem Roman „Was nie geschehen ist“. Die Autorin beschließt, ein Buch über ihre Mutter Francoise zu schreiben. Sie möchte die Bruchstücke der Erzählungen und Andeutungen zu einem Bild zusammenfügen, um besser verstehen zu können, warum ihre Mutter zu der geworden ist, die sie ist. Über Monate hinweg interviewt sie Francoise und erfährt so von deren schwierigen Kindheit und Jugend, die tiefe Narben hinterlassen hat, von ihrer Sehnsucht nach der so sehr bewunderten, unnahbaren Mutter, die ihre Liebe in diesem Maße nie zu erwidern schien, sondern die Tochter, viel mehr noch, immer wieder von sich stößt und die ältere Schwester vorzieht. Nadja Spiegelman erzählt aber auch von ihrem eigenen Heranwachsen mit dieser Mutter, die ihr manchmal wie eine zauberhafte Fee erscheint, um kurz darauf wieder aufzubrausen und zu tosen.

Irgendwann wird Nadja klar, dass sie auch ihre Großmutter Josèe befragen muss, um sich ein Bild dieser Familie machen zu können und die vielen offenen Fragen nicht im Raum stehen zu lassen. Behutsam nähern sich die beiden an und so gelingt, was zwischen Mutter und Tochter nicht möglich ist: Die Enkelin lernt die wunderbare Person kennen, die Josèe jenseits ihres Versagens als Mutter ist. Denn auch Josèe hat als Kind viele Ungerechtigkeiten und Verletzungen erlebt und erzählt eine ganz andere Geschichte über die Kindheit und Jugend ihrer Tochter.

Für mich hat das auf einmal Sinn gemacht, überlegt man mal, wie anders Kinder, die ja total im Augenblick leben und zudem von ihren Eltern emotional vollständig abhängig sind, Situationen wahrnehmen als ihre oft eher vernunftgesteuerten Eltern. Wie bedrohlich einem Kind manches erscheint, was die Eltern als Lappalie abtun. Verdrängungsmechanismen tun dann ihr übriges, um Erinnerungen zu verfälschen. Nüchtern betrachtet, können sich die Versionen über ein Leben gar nicht gleichen und vielleicht kann man auf Grund dieser Tatsache auch einen gewissen Frieden finden mit Ungereimtheiten in der eigenen Geschichte.

Wer „Was nie geschehen ist“ lesen möchte, sollte der Frankophilie nicht abgeneigt sein, denn obwohl Francoise Spiegelman als junge Frau nach New York geflohen ist und Nadja dort aufwächst, spielt sich der wichtigste Teil der Biographien in Paris ab, wo die Großmutter inzwischen auf einem Hausboot lebt, in Deauville, Ussel und anderen Teilen Frankreichs. Paul, ein Schönheitschirurg, und Josèe waren ein glamouröses Paar, das als Aufsteiger in die bessere Gesellschaft einen mondänen Lebensstil pflegte, als sie ihre drei Kinder bekamen. Und so spielen sich die Tragödien der Familie manchmal vor zauberhafter Kulisse ab, wie so oft im Leben.

Viel Spaß beim Lesen!

Naja Spiegelman „Was nie geschehen ist“

Verlag: Aufbau   ISBN: 978-3-351-03705-5

Ein gutes Sachbuch zum Thema Kontaktabbruch findet ihr übrigens hier: Kontaktabbruch in Familien

 

Buchtipp für lange Winternächte

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Endlich ist es draußen kalt genug, um Euch diesen Roman zu empfehlen. Denn ich finde, man sollte ihn am Besten lesen, wenn es draußen pfeift und schneit und so richtig ungemütlich ist. Denn der Roman „Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina beginnt in einem eisigen Januar in der Taiga. Die junge Tatarin Suleika lebt dort in einfachsten Verhältnissen mit ihrem weit älteren Mann und dessen herrischer Mutter. Beide behandeln sie menschenunwürdig und erniedrigen sie, wo immer es geht. Suleika arbeitet Tag und Nacht und nachdem ihr vier Kinder im Säuglingsalter gestorben sind, erwartet sie mit ihren dreißig Jahren nichts mehr vom Leben. Als Suleikas Mann im Zuge der Entkulakisierung unter Stalin in den 1930er Jahren erschossen und sie nach Sibirien zwangsumgesiedelt wird, nimmt ihr Leben eine völlig unerwartete Wende. Auf der beschwerlichen, langen Reise quer durchs Land, begegnet sie erstmals ganz anderen Menschen, als sie sie jemals zuvor getroffen hat, wie zwangsenteignete Intellektuelle aus Moskau. Sie muss erleben, wie zahlreiche Mitreisende sterben. Die Enge während des Transports, die Willkür der Befehlshaber und die Zufälle, die letztlich über Leben und Tod entscheiden, erzählt Gusel Jachina einfach packend. Als Suleika merkt, dass sie erneut schwanger ist, fasst sie neuen Mut, überleben zu wollen. Die Situation der Deportierten nach ihrer Ankunft  in der zu besiedelnden, noch unerschlossenen und völlig unwirtlichen Gegend, in der nicht einmal das nötigste Werkzeug zur Verfügung steht, um sich ein Dach über den Kopf zu bauen, scheint nicht weniger hoffnungslos. Jede falsche Entscheidung des Lagerkommandanten bedeutet für alle den sichereren Tod, da sich die Zwangsumgesiedelten mehr oder weniger selbst überlassen sind. Der Roman basiert auf historischen Tatsachen. So wurden etwa zwei Millionen Menschen in dieser Zeit deportiert, an die 600000 Menschen überlebten die Zwangsumsiedlung nicht, sei es, dass sie an Krankheiten oder Hunger starben oder getötet wurden. „Suleika öffnet die Augen“ erzählt in verschiedensten Ebenen von den politischen Geschehnissen bis hin zu einer Liebesgeschichte. Ein sehr spannender, vielfach ausgezeichneter Gesellschaftsroman für raue Wintertage!

 

„Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina

ISBN: 978-3-351-03670-6     Aufbau Verlag