Buchtipp: „Was nie geschehen ist“

Was nie geschehen istDie meisten von uns haben vermutlich Phasen durchlebt, in denen das Verhältnis zu den Eltern oder einem Elternteil belastet war und eine echte Verständigung kaum möglich war, weil die Wahrnehmung zu weit auseinander gegangen ist. Manchmal führt das sogar zum Kontaktabbruch. Nichterfüllte Erwartungen, Sehnsüchte, Sprachlosigkeit, Unverständnis. Aber kann das überhaupt anders sein? Gibt es die eine Wahrheit? Kann die Wahrnehmung von Mutter und Tochter überhaupt übereinstimmen?

Mit diesem Thema befasst sich Nadja Spiegelman in ihrem Roman „Was nie geschehen ist“. Die Autorin beschließt, ein Buch über ihre Mutter Francoise zu schreiben. Sie möchte die Bruchstücke der Erzählungen und Andeutungen zu einem Bild zusammenfügen, um besser verstehen zu können, warum ihre Mutter zu der geworden ist, die sie ist. Über Monate hinweg interviewt sie Francoise und erfährt so von deren schwierigen Kindheit und Jugend, die tiefe Narben hinterlassen hat, von ihrer Sehnsucht nach der so sehr bewunderten, unnahbaren Mutter, die ihre Liebe in diesem Maße nie zu erwidern schien, sondern die Tochter, viel mehr noch, immer wieder von sich stößt und die ältere Schwester vorzieht. Nadja Spiegelman erzählt aber auch von ihrem eigenen Heranwachsen mit dieser Mutter, die ihr manchmal wie eine zauberhafte Fee erscheint, um kurz darauf wieder aufzubrausen und zu tosen.

Irgendwann wird Nadja klar, dass sie auch ihre Großmutter Josèe befragen muss, um sich ein Bild dieser Familie machen zu können und die vielen offenen Fragen nicht im Raum stehen zu lassen. Behutsam nähern sich die beiden an und so gelingt, was zwischen Mutter und Tochter nicht möglich ist: Die Enkelin lernt die wunderbare Person kennen, die Josèe jenseits ihres Versagens als Mutter ist. Denn auch Josèe hat als Kind viele Ungerechtigkeiten und Verletzungen erlebt und erzählt eine ganz andere Geschichte über die Kindheit und Jugend ihrer Tochter.

Für mich hat das auf einmal Sinn gemacht, überlegt man mal, wie anders Kinder, die ja total im Augenblick leben und zudem von ihren Eltern emotional vollständig abhängig sind, Situationen wahrnehmen als ihre oft eher vernunftgesteuerten Eltern. Wie bedrohlich einem Kind manches erscheint, was die Eltern als Lappalie abtun. Verdrängungsmechanismen tun dann ihr übriges, um Erinnerungen zu verfälschen. Nüchtern betrachtet, können sich die Versionen über ein Leben gar nicht gleichen und vielleicht kann man auf Grund dieser Tatsache auch einen gewissen Frieden finden mit Ungereimtheiten in der eigenen Geschichte.

Wer „Was nie geschehen ist“ lesen möchte, sollte der Frankophilie nicht abgeneigt sein, denn obwohl Francoise Spiegelman als junge Frau nach New York geflohen ist und Nadja dort aufwächst, spielt sich der wichtigste Teil der Biographien in Paris ab, wo die Großmutter inzwischen auf einem Hausboot lebt, in Deauville, Ussel und anderen Teilen Frankreichs. Paul, ein Schönheitschirurg, und Josèe waren ein glamouröses Paar, das als Aufsteiger in die bessere Gesellschaft einen mondänen Lebensstil pflegte, als sie ihre drei Kinder bekamen. Und so spielen sich die Tragödien der Familie manchmal vor zauberhafter Kulisse ab, wie so oft im Leben.

Viel Spaß beim Lesen!

Naja Spiegelman „Was nie geschehen ist“

Verlag: Aufbau   ISBN: 978-3-351-03705-5

Ein gutes Sachbuch zum Thema Kontaktabbruch findet ihr übrigens hier: Kontaktabbruch in Familien

 

Buchtipp: „Während die Welt schlief“ von Susan Abulhawa

Während die Welt schlief.JPGSusan Abulhawa erzählt in „Während die Welt schlief“ von einer palästinensischen Familie, die 1948 wegen der Gründung Israels und der damit einhergehenden Besatzung palästinensischer Gebiete aus dem kleinen Dorf Ein Hod vertrieben wird, wo sie seit Jahrhunderten als Bauern vom Oliven- und Feigenanbau in dem damals noch sehr fruchtbaren Land gelebt hatte. Wir erfahren vom Schicksal des Familienoberhaupts Yahya und seiner Frau Basima, deren Kinder Hasan und Darwisch, den Kindeskindern Yussuf, Ismael und Amal und schließlich deren Tochter Sara, die die Geschichte als eine der wenigen Überlebenden zu Ende schreibt. Was dieser Familie im Laufe der Jahrzehnte an Unrecht angetan wird, ist kaum zu ertragen. Nachdem die Überlebenden der Vertreibung Zuflucht im Flüchtlingslager Jenin finden und versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen, wird das Lager 1967 von den Israelis angegriffen und wieder gibt es Tote und Verletzte. Die kleine Amal überlebt, tagelang versteckt in einem Loch im Küchenboden und muss erleben, wie ihre Cousine, noch ein Säugling, von einem Granatensplitter getroffen, in ihren Armen stirbt. Ihre Mutter, die bereits einen Sohn als Säugling verloren hat und deren Mann nach den Angriffen nicht mehr wiederkehrt, zieht sich immer mehr in sich zurück und verliert schließlich jeden Kontakt zur Realität. Und doch ist das Leid der Familie damit noch immer nicht beendet. 1982 wird ein Teil der Familie Opfer des Massakers „Operation Frieden für Galiläa“ im Flüchtlingslager im Libanon, bei dem 14000 Menschen getötet werden. 2002 gibt es einen erneuten blutigen Angriff auf Jenin, dem „Schlupwinkel der Terroristen“, der Heimat vieler Familien ist.

„Während die Welt schlief“ erzählt von Folter und Willkür, von Ohnmacht, Verbitterung und Radikalisierung. Davon, wie Menschen sich verändern und mit der Welt umgehen, wenn ihnen solche Schicksalsschläge widerfahren. Es geht aber nicht um Feindbilder und Schuldzuweisungen, denn beide Seiten, Juden wie Palästinenser haben viel Unrecht erlebt, und manche von ihnen sind Opfer und Täter zugleich. Der Roman erzählt aber auch von Liebe, Vergebung und Freundschaft zwischen Menschen, egal welcher Herkunft und Religionszugehörigkeit. Wie viel Leid und Unmenschlichkeit allerdings vielen Palästinensern in den besetzten Gebieten angetan wurde und immer noch wird, verschlägt einem die Sprache und ich habe bitterlich geweint, als ich das Buch zu Ende gelesen habe. Die Hoffnung bleibt, dass die junge Generation es schafft, dass sich diese beiden Länder endlich einmal die Hände reichen können, um in Frieden miteinander zu leben.

Die Autorin Susan Abulhawa ist das Kind von Palästinensern und wuchs in Jerusalem , Jordanien und den USA auf. Auch wenn der Roman nicht autobiografisch ist, enthält er doch Teile ihrer eigenen Geschichte. Susan Abulhawa hält sie sich streng an geschichtliche Fakten und möchte die Welt aufrütteln, wahrzunehmen, was in Palästina geschieht. Sie ist Menschenrechtsaktivistin und hat die NGO „Playgrounds for Palestine“ gegründet, die Spielplätze in Flüchtlingslagern baut. Ihr neuer Roman heißt „Als die Sonne im Meer verschwand“, wieder ein Familienepos, das auf die Situation der Palästinenser aufmerksam macht und von den Kritiken hoch gelobt wird.

 

Diana Verlag,   ISBN: 978-3-453-35662-7

Buchtipp: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Ach, diese LückeJoachim Meyerhoff, ursprünglich „nur“ Schauspieler von Beruf, schrieb einen vierteiligen Zyklus, in dem er prägenden Abschnitte seines Lebens mit uns teilt. Besonders gerne mochte ich diesen Band, in dem Meyerhoff an der Schauspielschule in München aufgenommen wird und zu diesem Zwecke in ein plüschiges Zimmer in der Villa seiner Großeltern in Nymphenburg einzieht. Während Meyerhoff tagsüber an der Schauspielschule vor allem lernt, an sich und seinen Fähigkeiten zu zweifeln, fällt er zu Hause in ein surreales Netz der Geborgenheit und gibt sich willig den durch lieb gewonnene Trinkanlässe geprägten Tagesstrukturen hin, vom Champagner am Morgen, über den Sechs-Uhr-Whiskey, bis hin zu dem den Abend beschließenden Cointreau. Die Großmutter, eine Schauspieldiva der alten Schule, und der Großvater, ein emeritierter Philosophieprofessor, zelebrieren ihren mondänen Lebensstil. Meyerhoff beschreibt sein Leben dort mit viel Liebe, Humor und Tiefe. Er scheut sich nicht, Peinlichkeiten preiszugeben und vom eigenen Versagen zu erzählen. Vielleicht mag ich den Roman so gerne, weil auch ich eine sehr eigenwillige und besondere Großmutter mit Ecken und Kanten hatte, die ihre Spuren in meinem Leben hinterlassen hat. Und auch die Bretter, die die Welt bedeuten, haben es mir schon immer angetan. Wer den großen Auftritt mit leisen Zwischentönen liebt, wird mit diesem Buch viel Freude haben.

Mehr von und mit Joachim Meyerhoff im Interview auf:

Eins zu eins der Talk

ISBN: 978-3-462-04828-5

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Künstliche Intelligenz und ihre Auswirkungen

Ich sage es gerade heraus, auch wenn ich mich hiermit als vollkommen rückständig oute: Die Digitalisierung unserer Welt macht mir Angst. Nach einem heiß diskutierten Abend über dieses Thema legte mir mein Neffe tröstend die Hand auf die Schulter und sprach mir gut zu: „So schlimm wird es nicht werden.“ Ich aber denke, dass es sogar noch weit aus schlimmer werden wird, als ich es mir gerade vorstellen kann.

In den letzten Wochen ging die Erfolgsmeldung durch die Presse, dass Künstliche Intelligenz (KI) Ärzten bei der Diagnostik von Hautkrebs überlegen ist. Das ist toll, ich kann mir das gut vorstellen, dass die KI mit so vielen Bildern und Informationen gefüttert wurde, dass sie wunderbar Vergleiche anstellen kann zwischen gut- und bösartig. Die positive Nachricht für die Ärzte sei es, dass sie durch solche Anwendungsbereiche viel mehr Zeit für ihre Patienten gewännen. Halt, da muss ich sofort widersprechen, denn so funktioniert Wirtschaft nicht und Medizin unterliegt heute klar den Kriterien der Wirtschaftlichkeit. Es kann mir keiner weismachen, dass durch KI generierte Zeit für das Zwischenmenschliche genützt würde. Nein, es werden Kosten minimiert werden, indem Personal eingespart wird. Wo KI die Arbeit des Menschen übernimmt, wird diese für die Arbeitnehmer wegfallen. Es werden natürlich für entsprechend qualifizierte Menschen auch viele neue Jobs entstehen. Weniger Qualifizierte werden sich beispielsweise zu Krankenpflegern umschulen lassen müssen, denn zumindest da wird der hohe Bedarf an Arbeitskräften in den nächsten Jahrzehnten vermutlich bestehen bleiben. Denn 100 Jahre alt zu werden, wird bald nichts außergewöhnliches mehr sein. Die Zahl steigt und wird vermutlich auch durch verbesserte Früherkennungsmethoden der KI noch rasanter steigen. Leider werden die meisten Senior(inn)en diese gewonnene Lebenszeit trotzdem nicht quietschfidel verbringen, sondern für Jahre oder Jahrzehnte auf Pflege angewiesen sein. Natürlich werden auch in der Pflege bereits Pflege-Roboter in Pilotprojekten eingesetzt, vor allem um Pfleger durch die Übernahme einfacher Tätigkeiten zu entlasten. Ich habe aber trotzdem noch Hoffnung, dass wir die Versorgung unserer überalterten Gesellschaft langfristig nicht Robotern überlassen werden.

Ich bin also nicht per se Pessimistin. Ich frage mich einfach, was vom Menschen noch bleibt, wenn wir alles Denken Rechnern überlassen und in diesem Bereich keine Aufgaben mehr haben. Mit eben jenem Neffen habe ich mich auch darüber gestritten, wie Schule sich verändern muss. Dass nur die Einführung digitaler Medien im Klassenzimmer kaum wirksam ist, haben unlängst einige Studien belegt. Er meinte, Schüler(innen) müssten sich Wissen nicht mehr selbst aneignen, sondern nur noch lernen, wie und wo man es sich beschaffen könne. Es ist ja jederzeit zugänglich. Wie erlangen aber Kinder Bildung, wenn sie nur noch im Bedarfsfall nachgucken, anstatt zu lernen, sich durch die jahrelange Auseinandersetzung mit verschiedensten Themen selbst ein Bild zu machen? Wie bilden sie sich eine Meinung, wie können sie Dinge einordnen und entscheiden?

Diese junge Generation, für die Digitalisierung bereits so selbstverständlich ist, hat ein fast blindes Vertrauen in die Konzerne, die sie steuern. Dabei lässt sich so wunderbar manipulieren und überwachen. Wirklich Ernstnehmen wird man den Missbrauch von Daten vermutlich erst, wenn es zu spät ist. Nehmen wir China als leuchtendes Beispiel, dass sich Jahrzehnte lang darin geübt hat, seine Bürger zu unterdrücken, zu überwachen und klein zu halten. Ab 2020 soll das „Soziale Bonitätssystem“, mit dem der Staat das Verhalten seiner Bürger nach Punkten bewertet und diese bei „Fehlverhalten“ abstraft, regierungskonformes Verhalten aber belohnt, flächendeckend eingeführt werden. Konsequenzen von Fehlverhalten können beispielsweise sein, dass Kindern Studienplätze verwehrt bleiben, Arbeitnehmer von Beförderungen ausgenommen werden oder Bürgern die Ausreise verweigert wird. Die Regierung hat dabei Zugriff auf die Daten des weltweit größten E-Commerce Händlers Alibaba und der App Alipay, mit der etwa 500 Millionen Kunden mobil bezahlen. Außerdem werden Äußerungen in Chats und sozialen Medien ausgewertet. Wer mehr darüber erfahren möchte, findet Informationen hier:

FAZ: Das Sozialkreditsystem     FAZ: Die totale Überwachung

Die totale Kontrolle ist durch Big Data zum Kinderspiel geworden. Und Verfechter des Datenschutzes gelten leider auch bei uns oft als nervige Spielverderber. Dass bei uns die neue Datenschutzgrundverordnung inzwischen vor allem im echten Leben bei Behörden, beim Arztbesuch oder in der Schule spürbar wird und nicht im Netz, ist teilweise absurd. Beim Umgang mit Daten im Internet hat sich bei den meisten Privatpersonen jedenfalls wenig verändert. Ich begreife es noch immer nicht, warum die halbe Welt „Whats app“ verwendet, anstelle einen der alternativen Messanger wie Signal, Threema oder Telegram, die genauso viel können, aber keine Daten abgreifen. Es bedürfte eines Klicks und der Einigung im Freundeskreis und der Familie – fertig. Das einzige Argument dagegen, ist dass alle „Whats app“ verwenden. Tja und daran wird sich nichts ändern, solange alle mitmachen.

Der WürfelEin interessantes Buch zum Thema KI hat Bijan Moini geschrieben. „Der Würfel“ spielt in der nahen Zukunft und erzählt davon, wie sie immer mehr Einfluß auf unser Leben gewinnt. Das System des Würfels basiert auf der Berechenbarkeit der Menschen, die Zahlungswährung für ihr sorgenfreies Leben mit einem Grundeinkommen sind ihre Daten. Da die Menschen von dem System profitieren, gibt es nur wenige, die sich dagegen stellen. Einer davon ist Taro. Seine Haltung wird auf eine harte Probe gestellt, als er sich verliebt.

Ich habe es noch nicht gelesen, es hört sich aber sehr spannend an und macht greifbar, was geschehen kann. Wer mehr dazu erfahren möchte, hört sich den Podcast auf Bayern 2 an. In einem Interview in EinszuEins erzählt der Autor von seinem Roman.

Bayern 2 EinszuEins der Talk mit Bijan Moini

Es gibt noch vieles zu sagen und zu schreiben zur Künstlichen Intelligenz, ihre Existenz in vielen Lebensbereichen schreitet in riesigen Schritten voran und wir werden erleben, was sie an Nutzen und Schrecken bringen wird. Ich hoffe, dass bei allem technischen Fortschritt die Menschlichkeit nicht auf der Strecke bleibt. Wir sind die letzte Generation, die noch Beides kennengelernt hat, ein Leben mit und ohne Digitalisierung. Das macht uns manchmal vielleicht etwas gestrig und mag Fluch und Segen zugleich sein. Es ist aber auf jeden Fall auch eine Möglichkeit zur Gestaltung, die wir den Digital Natives voraus haben.

Vom Alten Land und Hamburg-Ottensen – Buchtipp

Altes Land

Nachdem ich so begeistert von „Mittagsstunde“ war, musste ich mein Versäumnis unbedingt nachholen und Dörte Hansens ersten Roman lesen. Es hat sich gelohnt. „Altes Land“ hat mich nicht weniger gefesselt als „Mittagsstunde“ – im Gegenteil, längst verräumte Erinnerungen an ein Stück Familiengeschichte sind wieder zu Tage getreten.

Hildegard von Kamcke, Flüchtling aus Ostpreußen, strandet im Krieg mit ihrer kleinen Tochter Vera am Altländer Hof von Ida Eickhoff. „Woveel kommt denn noch vin jau Polacken?“, ist einer der ersten Sätze, den die kleine Vera lernt. Das ganze Haus ist voller Flüchtlinge. „Von mi gift dat nix!“, ist der Beginn des Kampfes zwischen der Hofherrin und der stolzen Ostpreußin Hildegard, die sich so gar nicht in ihre Opferrolle fügen will.

Ich erinnerte mich wieder daran, dass auch meine Familie auf der Flucht aus Schlesien bei Bauern unterkam. Meine Tante, auf der Flucht geboren, hat ihr Überleben dem Umstand zu verdanken, dass eine Bäuerin ihr ab und an die Brust gab, wenn deren eigenes Kind satt war. Der Großmutter war wie so vielen anderen Frauen durch die Strapazen der Flucht längst die Milch versiegt. Es muss entsetzlich gewesen sein, auf das Wohlwollen einer Frau angewiesen zu sein, die nicht weniger verächtlich über die ungebetenen, verlausten Gäste sprach und doch genug Mitleid hatte, dieses Kind nicht verhungern zu lassen. Viele andere Kinder und Erwachsene überlebten die Flucht nicht, sie erfroren, ertranken oder verhungerten und die Babys wurden von ihren Müttern in ihren Kinderwägen einfach am Straßenrand stehen gelassen.

So erfährt man im Laufe des Romans auch, warum Hildegard von Kampke und ihre Töchter zu denen wurden, die sie sind und was Flucht wirklich bedeutet. Und warum es so wichtig ist, wieder „jemand“ zu werden, wenn man alles verloren hat. Hildegard von Kamcke schafft das, zunächst, weil sie sich Ida Eickhoffs heimgekehrten, vom Krieg traumatisierten Sohn Karl angelt und schließlich das Alte Land hinter sich lässt und mit einem Architekten und ihrer gemeinsamen Tochter Marlene ein neues Leben in Hamburg Blankenese beginnt. Die vierzehnjährige Tochter Vera bleibt mit dem psychisch kranken Karl auf dem Hof und kämpft sich allein durch ihr Leben.

Dass der Roman auch seine sehr amüsanten Seiten hat, liegt vor allem am Vorführen der Hamburger Society. So geht es auch im „Alten Land“ um die Städter, die sich völlig verklärt auf dem Land im vermeintlichen Idyll ausbreiten und denken, es mit Biodünger und dem Anbau alter Sorten besser zu machen als die Alteingesessenen, die dafür überhaupt kein Verständnis haben. Und auch die Hamburger Vollwert-Muttis, die ihre Kinder zur musikalischen Früherziehung schleppen und hinter jedem ihrer Kinder ein Genie wähnen, wenn man es nur ausreichend fördert, bieten gutes Material zur Satire. Das Bindeglied zu Hamburgs Biofraktion ist Anne, die Tochter von Veras Halbschwester Marlene, die irgendwie nicht so richtig rein zu passen scheint in dieses Hamburg-Ottensen. Sie flüchtet, nachdem sich ihr Freund und Vater des gemeinsamen Kindes Leon eine neue Frau zugelegt hat, Hals über Kopf zu Vera auf den inzwischen völlig verwahrlosten Hof. Ein glückliche Fügung, wie sich bald herausstellt…

Dörte Hansens Romane leben von ihrer Sprache, dem detaillierten Zeichnen der Figuren, der Gegensätze, vom Schrulligen, Skurrilen und dennoch Liebenswertem. „Altes Land“ hat mich aber auch sehr zum Nachdenken gebracht über das, was viele unserer Eltern und Großeltern erlebt haben und was diese Erfahrungen für Auswirkungen auf ihre Leben hatten und teilweise immer noch haben.

Buchtipp: Alle, außer mir

Alle, außer mirWelche Assoziationen habt ihr zu „Italien“?

Bei mir sind das neben der aktuellen Politik noch immer Berlusconi, die Mafia und das gute alte Dolce Vita – Sonne, Strand, Vespa und Meer satt. Von einer ganz anderen, eher unbekannten Seite der italienischen Geschichte erzählt Francesca Melandri in ihrem Roman „ Alle, außer mir“. Eines Tages klingelt der junge Äthiopier Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti an der Tür der Lehrerin Ilaria und behauptet, ihr Neffe zu sein. Da ihr Vater, Attilio Profeti, der inzwischen an Demenz leidet, bereits einen unehelichen Sohn hat und lange Zeit ein Doppelleben geführt hat, beginnt Ilaria zusammen mit ihrem Halbbruder in der Vergangenheit ihres Vaters zu recherchieren. Dieser war tatsächlich ab 1935 als Schwarzhemd während der Eroberung  durch die faschistischen Truppen Mussolinis und in den Jahren danach in Äthiopien und während Shimeta von seiner Fluchtgeschichte von Äthiopien nach Italien unter unmenschlichen Umständen, von Willkür und Ablehnung italienischer Behörden berichtet, wird immer wahrscheinlicher, dass dessen Behauptung über seine Herkunft wahr ist. Wir erfahren unterdes vom Wahnsinn der Kolonialisierung, vom Abschlachten, vom Sieg der Italiener durch den völkerrechtswidrigen Einsatz von Senfgas, von Massenvergewaltigungen und Misshandlungen und all das mit der Rechtfertigung von Rassengesetzen, den minderwertigen Völkern die italienische Kultur zu schenken und das Sklaventum zu beenden. Denn in Äthiopien betrachteten die Amharen die Oromo als minderwertig und unterdrückten diese. „Sangue giusto“ heißt der italienische Titel des Buches und darum geht es in diesem Roman, das „richtige“ Blut. Liest man im Jahr 2019 von diesen Gräueltaten, fragt man sich, wie man überhaupt jemals auf die Idee kommen konnte, einfach so in ein Land einzumarschieren und es zu erobern. Es erscheint so absurd. Aber auch diese Entwicklung hat natürlich ihren Ursprung weit vorher. Italien war bei der Eroberung von Kolonien spät dran und auch die Italiener wollten sich ihren Platz an der Sonne sichern. Attilio Profeti jedenfalls, dem als stattlichen, gut aussehenden Mann oft die Gunst der mächtigen Faschisten zu Teil wurde, gelingt es, auch in den Jahrzehnten danach seine Chancen zu nutzen und sich ungeschoren durch sein Leben zu lavieren, was eng mit der weiteren Entwicklung der italienischen Politik verbunden ist. Was mich wirklich erschreckt hat, ist, wie wenig ich von der Kolonialisierung durch die europäischen Staaten, Deutschland eingenommen, wusste und wie wenig sie allgemein thematisiert wird und somit auch die europäische Verantwortung für die Geschichte gerade vieler afrikanischen Länder klein gehalten wird. In „Alle, außer mir“, treffen Gegenwart und Vergangenheit aufeinander. Es wird mal wieder klar, dass alles miteinander verwoben ist und wir nicht nur Bruchstücke betrachten können, um uns ein gesamtes Bild vor Augen zu rufen. Ein wirklich beeindruckender Roman.

Wer mehr erfahren möchte, findet hier ein Interview mit Franceca Melandri.

Und ebenfalls bei Deutschlandfunk mehr Hintergründe zur Eroberung Äthiopiens.

Francesca Melandri, „Alle, außer mir“

ISBN 9783803132963 Verlag Wagenbach

 

Buchtipp: „Niemandsland“

niemandsland„Niemandsland“ von Caroline Brothers beginnt sperrig. Der dreizehnjährige Aryan und sein achtjähriger Bruder Kabir versuchen gemeinsam mit anderen Flüchtlingen über den Evros nach Griechenland zu gelangen. Hinter ihnen liegt schon eine endlos lange Reise von Afghanistan über den Iran in die Türkei, allein auf sich gestellt, da die Eltern und ein älterer Bruder getötet wurden. Caroline Brothers, die sich als investigative Journalistin und anderem für die New York Times, viele Jahre mit Migration und Flüchtlingsströmen beschäftigt hat, schildert absolut realistisch und detailliert die Flucht zweier Kinder und was sie beschreibt, raubt einem den Atem. Alle Informationen und Bilder, die ich in den letzten Jahren zum Thema Flüchtlinge gesammelt habe, setzen sich wie ein Puzzle zusammen und finden sich auf grausame und menschenunwürdige Weise bestätigt. Ausbeutung und Versklavung auf Obstplantagen, Treffpunkte von Landsmännern in Stadtparks, Lager aus Pappkartons im Winter, durchlaufene Schuhe, die Skrupellosigkeit von Schleppern, Mißhandlung und Polizeigewalt. Und mittendrin zwei Kinder, die sich gegenseitig Kraft geben und am Leben halten und diesen Wahnsinn zusammen durchmachen. Aryan, der nach besten Kräften versucht, für sich und den kleinen Bruder die richtigen Entscheidungen zu treffen und Kabir, der mit seinem unbedarften, fröhlichen Wesen Herzen öffnet. In dessen Gesicht die Männer auf der Flucht ihre Kinder oder Brüder wiederfinden, die sie zurücklassen mussten. Die Geschichte vom „Niemandsland“ ruft ein fast schmerzendes Bewusstsein für das Unrecht hervor, das Menschen auf der Flucht widerfährt, dass sich nicht mehr so einfach wegschalten lässt. Es sind eben nicht mehr nur „die Flüchtlinge“, es sind jetzt Aryan, Kabir, Hamid, Jonah oder Khaled, die diese unerträglichen Zustände aushalten müssen. Eigentlich hatte ich das Buch als Jugendbuch gekauft, wir haben es dann aber zusammen gelesen und das war auch gut so. Caroline Brothers hat eine Geschichte aus vielen Fluchtgeschichten unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge aufgezeichnet. Wer sie liest, wird nicht mehr mit Parolen gegen Flüchtlinge hetzen können, sondern ihnen mit Verständnis begegnen. „Niemandsland“ ist auch ein Buch für Erwachsene gegen die Gleichgültigkeit auf dieser Welt.

„Niemandsland“ von Caroline Brothers

Bloomsbury Verlag  ISBN 978-3-8270-1057-5