Kinderbuchtipp: Die besten Freunde der Welt

Die besten Freunde der Welt„Die besten Freunde der Welt“ von Ute Wegmann ist ein wunderschönes Buch über die Freundschaft zwischen dem supersportlichen Fritz und dem Superbrain Ben, der wegen eines Herzklappenfehlers als Baby von seiner Mutter in Watte gepackt wird und nichts tun darf, was seiner Gesundheit gefährlich werden könnte. Und das ist so ziemlich alles, was Spaß macht. So darf Ben auch nicht am Schwimmunterricht teilnehmen, obwohl er wahnsinnig gerne das Seepferdchen machen würde. Stattdessen sitzt er am Beckenrand und schreibt Gedichte, wie das Großartige über den Busen, entstanden, nachdem er eine Seniorengruppe bei der Aquagymnastik beobachtet hat. Herrlich! Fritz versucht schließlich, seinem Freund heimlich das Schwimmen beizubringen, gar nicht so leicht bei jemandem, der sogar Angst vor einem Schaumbad hat. Ein großes Abenteuer für die so ungleichen Jungen, die vielleicht gerade deshalb die besten Freunde der Welt sind.

„Die besten Freunde der Welt“ von Ute Wegmann

Verlag: dtv Reihe Hanser  ISBN: 978-3-423-62585-2

Altersempfehlung: ab 6 Jahre

Buchtipp: „Was nie geschehen ist“

Was nie geschehen istDie meisten von uns haben vermutlich Phasen durchlebt, in denen das Verhältnis zu den Eltern oder einem Elternteil belastet war und eine echte Verständigung kaum möglich war, weil die Wahrnehmung zu weit auseinander gegangen ist. Manchmal führt das sogar zum Kontaktabbruch. Nichterfüllte Erwartungen, Sehnsüchte, Sprachlosigkeit, Unverständnis. Aber kann das überhaupt anders sein? Gibt es die eine Wahrheit? Kann die Wahrnehmung von Mutter und Tochter überhaupt übereinstimmen?

Mit diesem Thema befasst sich Nadja Spiegelman in ihrem Roman „Was nie geschehen ist“. Die Autorin beschließt, ein Buch über ihre Mutter Francoise zu schreiben. Sie möchte die Bruchstücke der Erzählungen und Andeutungen zu einem Bild zusammenfügen, um besser verstehen zu können, warum ihre Mutter zu der geworden ist, die sie ist. Über Monate hinweg interviewt sie Francoise und erfährt so von deren schwierigen Kindheit und Jugend, die tiefe Narben hinterlassen hat, von ihrer Sehnsucht nach der so sehr bewunderten, unnahbaren Mutter, die ihre Liebe in diesem Maße nie zu erwidern schien, sondern die Tochter, viel mehr noch, immer wieder von sich stößt und die ältere Schwester vorzieht. Nadja Spiegelman erzählt aber auch von ihrem eigenen Heranwachsen mit dieser Mutter, die ihr manchmal wie eine zauberhafte Fee erscheint, um kurz darauf wieder aufzubrausen und zu tosen.

Irgendwann wird Nadja klar, dass sie auch ihre Großmutter Josèe befragen muss, um sich ein Bild dieser Familie machen zu können und die vielen offenen Fragen nicht im Raum stehen zu lassen. Behutsam nähern sich die beiden an und so gelingt, was zwischen Mutter und Tochter nicht möglich ist: Die Enkelin lernt die wunderbare Person kennen, die Josèe jenseits ihres Versagens als Mutter ist. Denn auch Josèe hat als Kind viele Ungerechtigkeiten und Verletzungen erlebt und erzählt eine ganz andere Geschichte über die Kindheit und Jugend ihrer Tochter.

Für mich hat das auf einmal Sinn gemacht, überlegt man mal, wie anders Kinder, die ja total im Augenblick leben und zudem von ihren Eltern emotional vollständig abhängig sind, Situationen wahrnehmen als ihre oft eher vernunftgesteuerten Eltern. Wie bedrohlich einem Kind manches erscheint, was die Eltern als Lappalie abtun. Verdrängungsmechanismen tun dann ihr übriges, um Erinnerungen zu verfälschen. Nüchtern betrachtet, können sich die Versionen über ein Leben gar nicht gleichen und vielleicht kann man auf Grund dieser Tatsache auch einen gewissen Frieden finden mit Ungereimtheiten in der eigenen Geschichte.

Wer „Was nie geschehen ist“ lesen möchte, sollte der Frankophilie nicht abgeneigt sein, denn obwohl Francoise Spiegelman als junge Frau nach New York geflohen ist und Nadja dort aufwächst, spielt sich der wichtigste Teil der Biographien in Paris ab, wo die Großmutter inzwischen auf einem Hausboot lebt, in Deauville, Ussel und anderen Teilen Frankreichs. Paul, ein Schönheitschirurg, und Josèe waren ein glamouröses Paar, das als Aufsteiger in die bessere Gesellschaft einen mondänen Lebensstil pflegte, als sie ihre drei Kinder bekamen. Und so spielen sich die Tragödien der Familie manchmal vor zauberhafter Kulisse ab, wie so oft im Leben.

Viel Spaß beim Lesen!

Naja Spiegelman „Was nie geschehen ist“

Verlag: Aufbau   ISBN: 978-3-351-03705-5

Ein gutes Sachbuch zum Thema Kontaktabbruch findet ihr übrigens hier: Kontaktabbruch in Familien

 

Jugendbuchtipp: „Jenseits der blauen Grenze“ von Dorit Linke

Jenseits der blauen GrenzeWenn Menschen in anderen Ländern für ihre Freiheit demonstrieren und dabei sogar ihr Leben riskieren, ist das für diejenigen, die in eine funktionierende Demokratie hineingeboren wurden, manchmal schwer nachvollziehbar. Was Menschen dazu treibt, einem System der Überwachung und Unterdrückung zu entfliehen, erzählt der Jugendroman „Jenseits der blauen Grenze“.

Die Freunde Hanna, Andreas und Sachsen-Jensi haben alle ihre Probleme, sich dem politischen System der DDR anzupassen. Hanna durch ihren senilen, unangepassten Großvater, der sie in Schwierigkeiten bringt, Sachsen-Jensi durch seine große Klappe und Andreas, weil er seine Kritik am System nicht für sich behalten kann. Er ist es dann auch, der so aneckt, dass er schließlich die Schule verlassen muss, um in einem Jugendwerkhof umerzogen zu werden. Als er entlassen wird, ist er nicht mehr der Alte und hadert mit seinem Leben.

Schließlich fasst er den irrwitzigen Plan, durch die Ostsee in den Westen zu schwimmen. Hanna, die Leistungsschwimmerin ist, entschließt sich, gemeinsam mit Andreas die Flucht zu wagen.

Der Roman springt in seinen Kapiteln zwischen der Flucht auf der Ostsee und der Zeit davor und gibt Einblicke in das Leben der Jugendlichen in der DDR der 80er Jahre. Der Leser versteht nach und nach, warum die Flucht der einzige Ausweg zu sein scheint. Ironie des Schicksals, dass wenige Monate später die Mauer fällt, zum Zeitpunkt der Flucht undenkbar.

„Jenseits der blauen Grenze“ von Dorit Linke hilft, besser zu verstehen, was die Mauer zwischen Ost und West bedeutet hat. Und was für eine Befreiung ihre Öffnung war, etwas, was heute in der Diskussion über das, was nach der Wende schief gegangen ist, manchmal untergeht. Spannend, nah dran und leider nicht mit Happy End. So würde ich das Lesen ab ca.14 Jahren empfehlen.

Mehr über Dorit Linke und ihre interessante Arbeit (sie besucht auch Schulen) unter: Dorit Linke-Lesungen, Workshops, Politische Bildung

Magellan Verlag, ISBN 978-3-7348-5602-0

Ein empfehlenswerter Film zu dem Thema ist übrigens der Film „Der Ballon“ von Bully Herbig, der die wahre Geschichte einer Flucht zweier Familie Ende der 70er Jahre erzählt.

 

Mehr über die Flucht, die Hintergründe, Baupläne u.v.m unter: Ballonflucht

Buchtipp Kinder/Jugendbuch: „Krasshüpfer“ von Simon van der Geest

KrasshüpferDer elfjährige Hidde lebt mit seinem älteren Bruder Jeppe und der Mutter in einem Haus in einer niederländischen Kleinstadt. Der älteste Bruder Ward ist drei Jahre zuvor an einer Erkrankung verstorben. Die alleinstehende Mutter arbeitet lange und ist auch oft nicht richtig anwesend, wenn sie zuhause ist und so sind sich die beiden Jungen meist selbst überlassen. Für Hidde, der von seinem Bruder nur Spinnerling genannt wird, sind das Wichtigste seine Insekten und Spinnentiere, die er draußen aufspürt und sie in zahlreichen Gefäßen in einem geheimen, ans Haus angrenzenden Keller hält, von dem nur die Brüder wissen. Eines Tages erklärt Jeppe, dass von jetzt an er den Keller als Übungsraum für sein Schlagzeug nutzen wolle und Hidde ihn räumen solle. Eine Katastrophe für Hidde und seine Tiere. Von diesem Tag an beginnt ein Krieg zwischen den Brüdern. Denn das verstößt klar gegen die Abmachung. Der Keller war der Preis für das Wahren eines Geheimnisses. Ein Geheimnis, über das Hidde eigentlich wahnsinnig gerne sprechen würde, aber nicht darf. „Krasshüpfer“ ist Hiddes Tagebuch, in dem er mit dem Leser sein Nöte teilt und um die richtigen Entscheidungen ringt. Er zeichnet darin seine Tiere und das Experiment, mit dem er seine Klassenkameradin Lieke beeindrucken möchte, die Rosa so gerne mag. Hidde ist nicht cool, er spricht über seine Gefühle, seine Hilflosigkeit und Angst und genau das macht ihn so sympathisch. Und dass der Leser dabei so nah dran ist, macht das Buch so besonders.

Mein großer Sohn hat seinem kleinen Bruder das Buch mit den Worten übergeben, dass es noch viel schlimmere Brüder als ihn gebe. Das Resümee des Jüngeren nach dem Lesen: du bist schlimmer. Naja.

Ein Buch also definitiv für Jungs und Brüder ab etwa zehn Jahren, die das auch mal überprüfen möchten. Ein tolles Buch für alle anderen über Anderssein, Gewissensnöte, Freundschaft, Einsamkeit und Überforderung.

 

„Krasshüpfer“ von Simon van der Geest

Thienemann Verlag, ISBN: 978-3-522-18425-0

Buchtipp: „Während die Welt schlief“ von Susan Abulhawa

Während die Welt schlief.JPGSusan Abulhawa erzählt in „Während die Welt schlief“ von einer palästinensischen Familie, die 1948 wegen der Gründung Israels und der damit einhergehenden Besatzung palästinensischer Gebiete aus dem kleinen Dorf Ein Hod vertrieben wird, wo sie seit Jahrhunderten als Bauern vom Oliven- und Feigenanbau in dem damals noch sehr fruchtbaren Land gelebt hatte. Wir erfahren vom Schicksal des Familienoberhaupts Yahya und seiner Frau Basima, deren Kinder Hasan und Darwisch, den Kindeskindern Yussuf, Ismael und Amal und schließlich deren Tochter Sara, die die Geschichte als eine der wenigen Überlebenden zu Ende schreibt. Was dieser Familie im Laufe der Jahrzehnte an Unrecht angetan wird, ist kaum zu ertragen. Nachdem die Überlebenden der Vertreibung Zuflucht im Flüchtlingslager Jenin finden und versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen, wird das Lager 1967 von den Israelis angegriffen und wieder gibt es Tote und Verletzte. Die kleine Amal überlebt, tagelang versteckt in einem Loch im Küchenboden und muss erleben, wie ihre Cousine, noch ein Säugling, von einem Granatensplitter getroffen, in ihren Armen stirbt. Ihre Mutter, die bereits einen Sohn als Säugling verloren hat und deren Mann nach den Angriffen nicht mehr wiederkehrt, zieht sich immer mehr in sich zurück und verliert schließlich jeden Kontakt zur Realität. Und doch ist das Leid der Familie damit noch immer nicht beendet. 1982 wird ein Teil der Familie Opfer des Massakers „Operation Frieden für Galiläa“ im Flüchtlingslager im Libanon, bei dem 14000 Menschen getötet werden. 2002 gibt es einen erneuten blutigen Angriff auf Jenin, dem „Schlupwinkel der Terroristen“, der Heimat vieler Familien ist.

„Während die Welt schlief“ erzählt von Folter und Willkür, von Ohnmacht, Verbitterung und Radikalisierung. Davon, wie Menschen sich verändern und mit der Welt umgehen, wenn ihnen solche Schicksalsschläge widerfahren. Es geht aber nicht um Feindbilder und Schuldzuweisungen, denn beide Seiten, Juden wie Palästinenser haben viel Unrecht erlebt, und manche von ihnen sind Opfer und Täter zugleich. Der Roman erzählt aber auch von Liebe, Vergebung und Freundschaft zwischen Menschen, egal welcher Herkunft und Religionszugehörigkeit. Wie viel Leid und Unmenschlichkeit allerdings vielen Palästinensern in den besetzten Gebieten angetan wurde und immer noch wird, verschlägt einem die Sprache und ich habe bitterlich geweint, als ich das Buch zu Ende gelesen habe. Die Hoffnung bleibt, dass die junge Generation es schafft, dass sich diese beiden Länder endlich einmal die Hände reichen können, um in Frieden miteinander zu leben.

Die Autorin Susan Abulhawa ist das Kind von Palästinensern und wuchs in Jerusalem , Jordanien und den USA auf. Auch wenn der Roman nicht autobiografisch ist, enthält er doch Teile ihrer eigenen Geschichte. Susan Abulhawa hält sie sich streng an geschichtliche Fakten und möchte die Welt aufrütteln, wahrzunehmen, was in Palästina geschieht. Sie ist Menschenrechtsaktivistin und hat die NGO „Playgrounds for Palestine“ gegründet, die Spielplätze in Flüchtlingslagern baut. Ihr neuer Roman heißt „Als die Sonne im Meer verschwand“, wieder ein Familienepos, das auf die Situation der Palästinenser aufmerksam macht und von den Kritiken hoch gelobt wird.

 

Diana Verlag,   ISBN: 978-3-453-35662-7

Buchtipp: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Ach, diese LückeJoachim Meyerhoff, ursprünglich „nur“ Schauspieler von Beruf, schrieb einen vierteiligen Zyklus, in dem er prägenden Abschnitte seines Lebens mit uns teilt. Besonders gerne mochte ich diesen Band, in dem Meyerhoff an der Schauspielschule in München aufgenommen wird und zu diesem Zwecke in ein plüschiges Zimmer in der Villa seiner Großeltern in Nymphenburg einzieht. Während Meyerhoff tagsüber an der Schauspielschule vor allem lernt, an sich und seinen Fähigkeiten zu zweifeln, fällt er zu Hause in ein surreales Netz der Geborgenheit und gibt sich willig den durch lieb gewonnene Trinkanlässe geprägten Tagesstrukturen hin, vom Champagner am Morgen, über den Sechs-Uhr-Whiskey, bis hin zu dem den Abend beschließenden Cointreau. Die Großmutter, eine Schauspieldiva der alten Schule, und der Großvater, ein emeritierter Philosophieprofessor, zelebrieren ihren mondänen Lebensstil. Meyerhoff beschreibt sein Leben dort mit viel Liebe, Humor und Tiefe. Er scheut sich nicht, Peinlichkeiten preiszugeben und vom eigenen Versagen zu erzählen. Vielleicht mag ich den Roman so gerne, weil auch ich eine sehr eigenwillige und besondere Großmutter mit Ecken und Kanten hatte, die ihre Spuren in meinem Leben hinterlassen hat. Und auch die Bretter, die die Welt bedeuten, haben es mir schon immer angetan. Wer den großen Auftritt mit leisen Zwischentönen liebt, wird mit diesem Buch viel Freude haben.

Mehr von und mit Joachim Meyerhoff im Interview auf:

Eins zu eins der Talk

ISBN: 978-3-462-04828-5

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Künstliche Intelligenz und ihre Auswirkungen

Ich sage es gerade heraus, auch wenn ich mich hiermit als vollkommen rückständig oute: Die Digitalisierung unserer Welt macht mir Angst. Nach einem heiß diskutierten Abend über dieses Thema legte mir mein Neffe tröstend die Hand auf die Schulter und sprach mir gut zu: „So schlimm wird es nicht werden.“ Ich aber denke, dass es sogar noch weit aus schlimmer werden wird, als ich es mir gerade vorstellen kann.

In den letzten Wochen ging die Erfolgsmeldung durch die Presse, dass Künstliche Intelligenz (KI) Ärzten bei der Diagnostik von Hautkrebs überlegen ist. Das ist toll, ich kann mir das gut vorstellen, dass die KI mit so vielen Bildern und Informationen gefüttert wurde, dass sie wunderbar Vergleiche anstellen kann zwischen gut- und bösartig. Die positive Nachricht für die Ärzte sei es, dass sie durch solche Anwendungsbereiche viel mehr Zeit für ihre Patienten gewännen. Halt, da muss ich sofort widersprechen, denn so funktioniert Wirtschaft nicht und Medizin unterliegt heute klar den Kriterien der Wirtschaftlichkeit. Es kann mir keiner weismachen, dass durch KI generierte Zeit für das Zwischenmenschliche genützt würde. Nein, es werden Kosten minimiert werden, indem Personal eingespart wird. Wo KI die Arbeit des Menschen übernimmt, wird diese für die Arbeitnehmer wegfallen. Es werden natürlich für entsprechend qualifizierte Menschen auch viele neue Jobs entstehen. Weniger Qualifizierte werden sich beispielsweise zu Krankenpflegern umschulen lassen müssen, denn zumindest da wird der hohe Bedarf an Arbeitskräften in den nächsten Jahrzehnten vermutlich bestehen bleiben. Denn 100 Jahre alt zu werden, wird bald nichts außergewöhnliches mehr sein. Die Zahl steigt und wird vermutlich auch durch verbesserte Früherkennungsmethoden der KI noch rasanter steigen. Leider werden die meisten Senior(inn)en diese gewonnene Lebenszeit trotzdem nicht quietschfidel verbringen, sondern für Jahre oder Jahrzehnte auf Pflege angewiesen sein. Natürlich werden auch in der Pflege bereits Pflege-Roboter in Pilotprojekten eingesetzt, vor allem um Pfleger durch die Übernahme einfacher Tätigkeiten zu entlasten. Ich habe aber trotzdem noch Hoffnung, dass wir die Versorgung unserer überalterten Gesellschaft langfristig nicht Robotern überlassen werden.

Ich bin also nicht per se Pessimistin. Ich frage mich einfach, was vom Menschen noch bleibt, wenn wir alles Denken Rechnern überlassen und in diesem Bereich keine Aufgaben mehr haben. Mit eben jenem Neffen habe ich mich auch darüber gestritten, wie Schule sich verändern muss. Dass nur die Einführung digitaler Medien im Klassenzimmer kaum wirksam ist, haben unlängst einige Studien belegt. Er meinte, Schüler(innen) müssten sich Wissen nicht mehr selbst aneignen, sondern nur noch lernen, wie und wo man es sich beschaffen könne. Es ist ja jederzeit zugänglich. Wie erlangen aber Kinder Bildung, wenn sie nur noch im Bedarfsfall nachgucken, anstatt zu lernen, sich durch die jahrelange Auseinandersetzung mit verschiedensten Themen selbst ein Bild zu machen? Wie bilden sie sich eine Meinung, wie können sie Dinge einordnen und entscheiden?

Diese junge Generation, für die Digitalisierung bereits so selbstverständlich ist, hat ein fast blindes Vertrauen in die Konzerne, die sie steuern. Dabei lässt sich so wunderbar manipulieren und überwachen. Wirklich Ernstnehmen wird man den Missbrauch von Daten vermutlich erst, wenn es zu spät ist. Nehmen wir China als leuchtendes Beispiel, dass sich Jahrzehnte lang darin geübt hat, seine Bürger zu unterdrücken, zu überwachen und klein zu halten. Ab 2020 soll das „Soziale Bonitätssystem“, mit dem der Staat das Verhalten seiner Bürger nach Punkten bewertet und diese bei „Fehlverhalten“ abstraft, regierungskonformes Verhalten aber belohnt, flächendeckend eingeführt werden. Konsequenzen von Fehlverhalten können beispielsweise sein, dass Kindern Studienplätze verwehrt bleiben, Arbeitnehmer von Beförderungen ausgenommen werden oder Bürgern die Ausreise verweigert wird. Die Regierung hat dabei Zugriff auf die Daten des weltweit größten E-Commerce Händlers Alibaba und der App Alipay, mit der etwa 500 Millionen Kunden mobil bezahlen. Außerdem werden Äußerungen in Chats und sozialen Medien ausgewertet. Wer mehr darüber erfahren möchte, findet Informationen hier:

FAZ: Das Sozialkreditsystem     FAZ: Die totale Überwachung

Die totale Kontrolle ist durch Big Data zum Kinderspiel geworden. Und Verfechter des Datenschutzes gelten leider auch bei uns oft als nervige Spielverderber. Dass bei uns die neue Datenschutzgrundverordnung inzwischen vor allem im echten Leben bei Behörden, beim Arztbesuch oder in der Schule spürbar wird und nicht im Netz, ist teilweise absurd. Beim Umgang mit Daten im Internet hat sich bei den meisten Privatpersonen jedenfalls wenig verändert. Ich begreife es noch immer nicht, warum die halbe Welt „Whats app“ verwendet, anstelle einen der alternativen Messanger wie Signal, Threema oder Telegram, die genauso viel können, aber keine Daten abgreifen. Es bedürfte eines Klicks und der Einigung im Freundeskreis und der Familie – fertig. Das einzige Argument dagegen, ist dass alle „Whats app“ verwenden. Tja und daran wird sich nichts ändern, solange alle mitmachen.

Der WürfelEin interessantes Buch zum Thema KI hat Bijan Moini geschrieben. „Der Würfel“ spielt in der nahen Zukunft und erzählt davon, wie sie immer mehr Einfluß auf unser Leben gewinnt. Das System des Würfels basiert auf der Berechenbarkeit der Menschen, die Zahlungswährung für ihr sorgenfreies Leben mit einem Grundeinkommen sind ihre Daten. Da die Menschen von dem System profitieren, gibt es nur wenige, die sich dagegen stellen. Einer davon ist Taro. Seine Haltung wird auf eine harte Probe gestellt, als er sich verliebt.

Ich habe es noch nicht gelesen, es hört sich aber sehr spannend an und macht greifbar, was geschehen kann. Wer mehr dazu erfahren möchte, hört sich den Podcast auf Bayern 2 an. In einem Interview in EinszuEins erzählt der Autor von seinem Roman.

Bayern 2 EinszuEins der Talk mit Bijan Moini

Es gibt noch vieles zu sagen und zu schreiben zur Künstlichen Intelligenz, ihre Existenz in vielen Lebensbereichen schreitet in riesigen Schritten voran und wir werden erleben, was sie an Nutzen und Schrecken bringen wird. Ich hoffe, dass bei allem technischen Fortschritt die Menschlichkeit nicht auf der Strecke bleibt. Wir sind die letzte Generation, die noch Beides kennengelernt hat, ein Leben mit und ohne Digitalisierung. Das macht uns manchmal vielleicht etwas gestrig und mag Fluch und Segen zugleich sein. Es ist aber auf jeden Fall auch eine Möglichkeit zur Gestaltung, die wir den Digital Natives voraus haben.