Von Heidi Klum und #MeToo

Heidi

Ich gebe es zu: ich sehe gerne „Germanys next Topmodel“. Allerdings sicherlich nicht wegen „uns Heidis“ quietschiger Gute-Laune Fassade oder Thomas Dackelblick, nein, es sind die Mädchen, die Walks, die Shootings, die Neugier und das Mitfiebern. Hätte ich eine Tochter, würde ich mir das Einschalten allerdings verkneifen, denn die Botschaft, die Übermutter Heidi jungen Mädchen beibringt, ist einfach unter aller Kanone (um es halbwegs nett zu formulieren): „Mach Dich nackig, sonst fliegst du raus.“ Oder „Wer nein sagt, hat verloren.“ Die Mädchen lernen, ich muss etwas machen, was ich eigentlich nicht möchte. Der blanke Hohn in #me too Zeiten, in denen unter dem Hashtag mehr als ausführlich beschrieben wird und wurde, wohin es führt, wenn man nicht in der Lage ist, sich klar abzugrenzen und deutlich NEIN zu sagen. Wörtlich hören wir solche Aussagen natürlich nicht von Heidi Klum, aber mit der Argumentation, ein Topmodel müsse sowieso in ihrer Karriere irgendwann blank ziehen, hat sie keinerlei Verständnis, wenn sich die jungen Nachwuchsmodels zieren, die Hüllen fallen zu lassen. Und so werden die Shootings von Staffel zu Staffel freizügiger. Dabei wäre es unter professionellen Gesichtspunkten völlig ausreichend, die Mädchen in Bademode posieren zu lassen, anstatt in Spitzenbodies oder oben ohne, das Nötigste mit den Händen bedeckend. Letzteres dient ausschließlich dem Erzielen hoher Einschaltquoten. Sollten die Models nämlich später einmal für ein Wäschelabel arbeiten wollen, sähen keine Millionen Zuschauer beim Posen zu. Und ich kenne viele Models, die in ihre Karriere keine Nacktaufnahmen gemacht haben und trotzdem hervorragend arbeiten. Schade, dass #me too völlig an Heidi Klum vorbeigegangen zu sein scheint oder sie aber nicht in der Lage ist, Zusammenhänge zwischen möglichen Übergriffen und Grenzüberschreitungen und Botschaften in ihrer Sendung  zu ziehen. In einer Gesellschaft, wo von Mädchen immer noch erwartet wird, schön zu sein und zu gefallen, ist es um so wichtiger, Ihnen zu vermitteln, dass es nicht nur okay, sondern mehr noch absolut wichtig ist, NEIN zu sagen. Diese Verantwortung hätte Heidi Klum, an der sich so viele Teenager orientieren- und die ja selber Mutter zweier Töchter ist. Meine Kinder hatten das Glück, in der 1.&2.Klasse in ihrer Schule an den sogenannten „Mutmachstunden“ teilzunehmen, eine Adaption von Achtung Grenze des Kinderschutzbundes. In den Stunden werden die Kinder spielerisch angeleitet, Gefühle wahrzunehmen und zu erkennen, NEIN zu sagen, gegebenenfalls Hilfe zu holen und zwischen guten und schlechten Geheimnissen zu unterscheiden. Solche Angebote sind toll und es bleibt zu hoffen, dass die Kinder diese Botschaften nachhaltig mit ins Erwachsenenleben nehmen können. Heil durch die Pubertät zu kommen, ist aber wieder eine ganz andere Sache. Mal davon abgesehen, dass es per se nicht sinnvoll ist, Modelmaße als Schönheitsideal zu propagieren, gäbe es doch einige Möglichkeiten, dieses Format zu verbessern. Wie großartig wäre es, wenn Heidi realistischere Jobs kreieren würde, die ihre Schützlinge nicht in solche Nöte brächte. Wenn sie die Entscheidungen ihrer Schützlinge respektieren würde und damit deren Persönlichkeit, die sie ja immer wieder einfordert, stärken würde. Fantastisch. Ob man so Quote machen kann, weiß ich nicht. Aber man kann sicher besser in den Spiegel schauen.

Kleine Menschenwesen

MädchenIch finde es unheimlich spannend, wie unterschiedlich Kinder so ticken. Dass das eigene Kind mit dem einen Freund immer raufen muss und mit dem anderen über Stunden hinweg ruhig und harmonisch spielen kann. Wie sich ein neuer Freund verhält, wenn er das erste Mal zu uns nach Hause kommt. Wie Kinder Konflikte untereinander lösen oder mit dem Kopf durch die Wand gehen. WIE unterschiedlich Kinder aber tatsächlich in den kleinsten Dingen sind, begriff ich tatsächlich erst so richtig, als ich das erste Mal Erstklässler beim „Fußgängerdiplom“ begleitete. Zu diesem Zweck üben die Kinder in den Wochen vorher mit ihren Lehrer(inne)n, eine festgelegte Strecke mit Ampeln, Zebrastreifen und Einfahrten sicher abzugehen und dabei auf mögliche Gefahren zu achten und sich entsprechend zu verhalten. Am Tag der Prüfung laufen dann einige Eltern als Prüfer in gebührendem Abstand hinter den Kindern her und notieren auf einem Zettel, ob sie das Gelernte gut umgesetzt haben. So also auch ich. Mein erster Prüfling lief so schnell los, dass ich Mühe hatte, mitzuhalten. Getrieben von einer zuversichtlichen Energie, meisterte er seine Aufgaben souverän. Außer Atem (also ich), aber zufrieden erreichten wir das Ziel. Das zweite Kind wagte kaum, mich bei unserer Begrüßung anzusehen. Die Aufgabe schien mühsam, in zaghaften Schritten tastete es sich voran und schaute bei der grünen Ampel so lange nach, ob auch tatsächlich kein Auto käme, dass diese wieder auf Rot sprang, kaum hatte er endlich die Straße betreten. Ich wollte ihm am liebsten die Last des Lebens von seinen Schultern nehmen und ihm einen großen Gasluftballon in die Hand drücken, damit er nur einmal das Gefühl von Schwerelosigkeit erfahre. Ach. Eine lange Zeit später kamen wir wieder am Startpunkt an, wo mich ein Mädchen als dritter Prüfling erwartete. Sie fing sogleich an, sich mit mir zu unterhalten und ich musste sie darauf aufmerksam machen, dass dies nicht so gedacht sei und sie selbständig vorausgehen solle. Wo es denn lang gehe, fragte sie. Hast du denn nicht mit den anderen Kindern geübt? Doch, aber ich weiß den Weg nicht mehr so genau. Sie schlenderte von rechts nach links, betrachtete ein Blümchen am Wegesrand, drehte sich immer mal wieder zu mir um, um mich mit großen fragenden Augen anzusehen, ob wir uns denn noch in der richtigen Galaxie befänden. Tippel hier, Tippel dort, feengleich kaum den Boden berührend und nur rein physisch anwesend. Unglaublich großartig, wie unterschiedlich so ein kleines Menschenwesen durch die Welt geht, wie unterschiedlich es seine Umgebung wahrnehmen mag, wie es sich in diesem Kosmos empfindet. Und ich dachte, Gehen sei einfach Gehen. Nein, es haben sich mir kleine Menschenreiche gezeigt, von denen ich zuvor nichts geahnt hatte. Und es lohnt ein Blick auf die kleinen Dinge, während wir nach dem Großen streben, der richtigen Schule, dem richtigen Instrument, der richtigen Sportart und dem richtigen Beruf. Ob wir dabei wirklich immer unsere Kinder SEHEN?

Digital natives

Bei uns an der Grundschule kursiert gerade die Idee, ab der 1.Klasse Programmieren als Wahlfach anzubieten. Ich bin ehrlich gesagt froh, dass meine Kinder solchen Errungenschaften der Digitalisierung im Kindesalter gerade noch entkommen sind und sich das große Kind erst jetzt in der 7.Klasse mit Programmieren beschäftigt, was ich übrigens total gut finde. Er wird sicherlich mehr von dem verstehen, wie ein Rechner arbeitet, als ich das bis heute tue. In den nächsten Jahren wird sich wohl noch einiges zum Thema „Medienbildung“ tun und ob das immer so sinnvoll sein wird, wage ich zu bezweifeln. Das beliebte Totschlagargument gegen Kritiker der Digitalisierung in der Schule ist, dass man mit dem digitalen Fortschritt mithalten müsse. Bullshit, sage ich dazu. Ich finde, wir sollten unseren Kindern wenigstens in Kindergarten und Grundschule das Leben im Hier und Jetzt ermöglichen und sie sinnlich sein lassen, damit sie dem digitalen Leben später auch etwas entgegen zu setzen haben. Riechen, Fühlen, Spüren, Erleben, miteinander live und in Farbe spielen und streiten. Draußen sein und toben. Bei sich sein. Ein Schutzraum. Wer Kinder an digitalen Geräten erlebt, weiß, wie blind sie sich innerhalb kürzester Zeit damit zurechtfinden. Man muss sie nicht als Kleinkinder heranführen, sie werden uns auch im Alter von zehn Jahren innerhalb kürzester Zeit überholen. Ihnen technische Kompetenz zu vermitteln, sollte also die geringste Sorge sein. Wichtig dagegen ist, ihnen beizubringen, wie man sich gegen Datenklau schützt, wozu Daten genutzt werden, was Bildrechte sind, dass es auch andere Suchmaschinen als Google gibt oder Alternativen zu What`s app. Themen also, die eine gewisse Reife voraussetzen. Ihnen aber beizubringen, dass es auch schön ist, offline zu sein, sich zu unterhalten, ohne gleichzeitig am Smartphone zu tippen, sich auch mal zu langweilen oder einfach den Moment im Hier und Jetzt zu genießen ohne ihn online zu teilen oder festzuhalten, diese Erfahrungen zu vermitteln, sollte stattgefunden haben, bevor das Smartphone den Alltag der digital natives bestimmt. Vielleicht ist nicht die Nutzung, sondern viel mehr die Nichtnutzung digitaler Medien der wichtigste Bildungsauftrag dieser Zeit. Denn irgendwann kommt bei wohl jedem Kind der Tag, an dem die digitale Welt einen großen Anteil an seinem Leben haben wird und darauf sollte es gut vorbereitet sein.

Von den unflätigen Ausdrücken

Ich muss zugeben, bei uns herrscht manchmal ein etwas rauer Umgangston. Ich bin da nicht stolz drauf und in meinem Elternhaus hätte es sowas nicht gegeben, aber ich muss ja nicht vornehmer tun als es ist. Im Kleinkindalter des Erstgeborenen hatten wir es noch ganz gut im Griff. Da wurde das herzhafte „Scheiße“ (pardon) konsequent durch ein „Schade“ ersetzt, was manchmal durchaus komödiantisch sein kann in Alltagssituationen der Rage. Zehn Jahre später sieht das anders aus und so kam es jüngst zu folgendem Dialog am Küchentisch:

Erstgeborener zu kleinem Bruder: „Arschloch!“

Mutter (also ich): „Also ich fände es schon gut, wenn Du eine andere Ausdrucksweise finden könntest. Arschloch möchte ich eigentlich nicht hören.“ (Mancher mag finden, ich würde nicht streng genug durchgreifen und Recht damit haben.)

Nächster Tag, selber Tisch.

Erstgeborener: „Wie findest Du Kackamann?“

Mutter: „Also ich muss sagen, fürs Erste klingt das schon irgendwie liebevoller. Vielleicht fällt Dir ja noch was anderes ein.“

Mal gucken, was da noch kommen mag. Aber irgendwie mag ich Kackamann.

 

Kleine Auszeiten

Es gibt sie tatsächlich wieder in meinem Leben – Momente der Langweile. Naja, das wäre vielleicht zu viel gesagt, aber Momente, in denen mich niemand braucht, in denen ich da sitze und denke, jetzt ist tatsächlich Raum, etwas nur für mich zu tun. Aber was? Fast habe ich es verlernt, etwas ohne Sinn und Zweck und Nutzen zu tun, etwas, das mir einfach gut tut und Spaß macht. Ich weiß, davon träumt ihr Eltern von kleinen Kindern und behauptet vielleicht, ihr wüsstet genau, was ihr tun würdet. Vermutlich einfach schlafen. Aber manchmal verlernt man bei aller Fürsorge um andere, gut für sich selbst zu sorgen. Ich habe mich dafür entschieden, wieder zu tanzen. Da bekomme ich den Kopf am Besten frei, Tanzen macht mich glücklich. Es ist fantastisch, dass mein 43-jähriger Körper noch quasi ungebremste Energie hat und mir wenige Grenzen aufzeigt. Als ich davon erzählte, meinte eine kinderlose Bekannte, man müsse doch immer etwas für sich tun, auch wenn die Kinder klein sind. Wie Recht du hast und wie weit dieses Statement oft vom echten Leben entfernt ist. Vom Leben mit Überstunden, schlaflosen Nächten, Elternabenden, Kinderkrankheiten, Laternenumzügen und Weihnachtsfeiern. In dem man aus irgendeinem Grund mindestens jede zweite Woche beim Training fehlt und es dann einfach entnervt sein lässt. Meine Kinder sind jetzt 7 und 12, alt genug, mir einmal die Woche eine Auszeit zu gönnen. Nur für mich. Wunderbar. Ich könnte natürlich auch Wäschewaschen – aber das wäre doch wirklich schade, oder?

Für Nürnberger: hier gibt es tolle Kurse mit entspannten Menschen und guter Energie

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Vom Arbeiten und Mama (*) sein

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einer Freundin, die gerade eine Fortbildung besucht hatte. Eigentlich war sie von dem neuen Input total begeistert, war aber gleichzeitig frustriert, weil die anderen Kolleg(inn)en im Gegensatz zu ihr voll arbeiteten und andauernd solche Fortbildungen besuchten und sie sich deshalb irgendwie außen vor fühlte mit ihrer reduzierten Berufstätigkeit. Ich konnte sie absolut verstehen. Arbeiten und Kinder, das ist einfach mit ambivalenten Gefühlen verbunden. Arbeiten ohne schlechtes Gewissen ist quasi unmöglich und so kommen vor allem wir uns traditionell zuständig fühlenden Frauen immer wieder in das Dilemma, zu meinen, weder den Kindern gerecht werden zu können, noch unserer Arbeit. Ich bin selbständig und in Phasen, in denen ich sehr viel arbeite, fühle ich mich meistens auch sehr wohl mit meiner Arbeit, bis mein Kleiner ziemlich bald seinen Anteil fordert: „Mama, wann bringst Du mich mal wieder in die Schule?“ und „Mama, Du bist gar nicht mehr zu Hause!“ Herzschmerz. Bin ich dann wieder mehr zu Hause, genieße ich zwar die Zeit mit meiner Familie, es stellt sich aber auch schnell dieses „Ich bin außen vor“- Gefühl dem Job gegenüber ein. Ist ja auch alles irgendwie nicht mehr so wichtig wie früher. Manchmal. Und trotzdem will ich meinen kinderlosen Kolleginnen in Nichts nachstehen. Obwohl sie sich Tag und Nacht theoretisch mit nichts anderem beschäftigen könnten als mit der Arbeit, während auf mich nach dem Job Essen kochen, Gute Nacht-Geschichte vorlesen und Chaos beseitigen auf dem Programm stehen. Ich fürchte, dieser Konflikt gehört zu uns arbeitenden Müttern (*), denn alle Argumente pro Arbeit neben dem finanziellen Aspekt ( „Ich bin ja viel zufriedener und ausgeglichener, als wäre ich nur zu Hause!“ ) und Argumente pro Zuhause bleiben ( „Es ist so toll, mehr Zeit für mein Kind zu haben und keinen Schritt zu verpassen.“), greifen eben auch nur in Zeiten, in denen alles rund läuft. Ansonsten haben wir eben manchmal Herzschmerzen und die sind für Argumente absolut unempfänglich. Da hilft es eben manchmal nur, sein Herz auszuschütten und zu wissen, dass einen vermutlich Millionen von Frauen auf dieser Welt total gut verstehen. 

(*es gibt natürlich auch Väter, die ähnlich empfinden, oder? Schreibt mir gerne!)

 

Die „Ist doch nicht so schlimm“-Falle

Letze Woche bin ich wieder voll reingetappt in die „Ist doch nicht so schlimm!“-Falle. Mein kleiner Sohn kam tief frustriert vom Sport nach Hause, weil etwas so gar nicht geklappt hatte. Jammernd berichtete er, warum die Übung so überhaupt nicht funktionieren könne und was daran alles falsch und blöd und irgendwie sei. Da schnappte sie zu. Ich sagte: „Ist ja nicht so schlimm, du kannst ja noch üben und irgendwann schaffst du es dann.“ Die Tür zu seinen übersprudelnden Worten schloss sich im Bruchteil einer Sekunde und seine Trauer schlug in maßlose Wut um, weil ich einfach nichts verstand. Es ging nicht um irgendwann, es ging um jetzt, um seinen Frust und seine Trauer, diese einfach zulassen zu dürfen und mit ihr angenommen zu werden. Wir Erwachsenen haben ja oft dieses Bedürfnis, alle Sorgen und Probleme wegzuquatschen. Dabei geht es weder um Dramatisieren („Ach, mein armes Kind, der Trainer hat doch keine Ahnung!“) noch um Wegdiskutieren. Einfach dasein und zuhören. Das wäre es schon gewesen. Eigentlich ganz einfach, oder etwa nicht?