Weitsicht

Wenn ich herausbekommen möchte, wie alt mein Gegenüber ist, muss ich es nur in ein Gespräch über Musik oder alte TV-Serien verwickeln und schon lässt sich der Jahrgang ziemlich exakt bestimmen. Reagiert es auf „ Gute Nacht, John-Boy“, die Miami Vice Theme oder Knight Rider hat es mit Sicherheit die 40 geknackt. Aber auch ohne Worte lassen sich meine Altersgenoss(inn)en mittels Beobachtungsgabe sehr einfach entlarven. Da ist nämlich diese Sache mit der Sehschwäche, die so ziemlich jeden spätestens mit 45 erwischt und die alle mühsam zu kaschieren suchen, fühlen wir uns doch noch so gar nicht dieser Altersgruppe zugehörig. Da werden Handydisplays am ausgestreckten Arm gehalten und verschämt Lesebrillen gezückt, um einen Text entziffern zu können und ebenso schnell wieder wegversteckt. Mitunter nimmt das Ablehnen altersgerechter Hilfsmittel bisweilen absurde Züge an, wie zuletzt geschehen, als beide Kassiererinnen an einer H&M Kasse meinen Umtausch kaum abwickeln konnten, weil sie ihre Lesebrillen zu Hause vergessen hatten. Mensch, Mädels, ihr seid doch nicht allein. Wir sind alle eine große Familie von Weitsichtigen. Und Sehhilfe muss ja nicht unsexy sein. An meinem Mann entdecke ich gerade eine ganz neue Seite, wenn er abends neben mir im Bett seine Lesebrille zückt. Hot.

Süßes sonst gibt’s Saures war gestern!

Dieses Jahr hatte ich zu Halloween ein ganz besonderes Erlebnis.  Wir waren bei Freunden in Hamburg zu Besuch. Sie hatten extra noch Süßigkeiten besorgt, weil im Jahr zuvor Kinder kamen und sie nicht vorbereitet waren. Dieses Jahr stand also eine reich mit Schokoriegeln, Gummibärchen und Schokolinsen in kleinen Packungen gefüllte Schüssel an der Tür, um für alle kleinen gruseligen Besucher gewappnet zu sein.

Und tatsächlich, es klingelt am frühen Abend an der Tür und da stehen schon direkt drei Gespenster mit richtig schauerlich geschminkten Gesichtern vor uns. Meine Freundin Charlotte hält ihnen freudig ihre Schüssel mit den Leckereien unter die Nase und was sagen da die Kinder: OBST oder GEMÜSE!

Sichtlich verwirrt muss sie einen Augenblick überlegen und fragt dann, ob sie tatsächlich Obst und Gemüse wollen – die Gespenster bestehen darauf. Während Charlotte die Schüssel mit den Süßigkeiten beiseite stellt, um in der Küche den Obstkorb zu holen, frage ich die Kinder, ob wirklich SIE das gesunde Zeug wollen oder ihre Eltern, und sie sollten doch den Eltern sagen, dass es nur Schokolade gab! Ich werde aber ignoriert und als meine Freundin mit dem Obstkorb zurückkommt, stürzen sie sich auf Äpfel, Bananen und Kiwis und ziehen weiter.

Zurück blieben die konsternierten Erwachsenen, die den ganzen Abend nicht darüber hinwegkamen, was nur aus unseren Kindern geworden ist und was sie wohl mit dem Gemüse wollten!?

A wie Apfelstrudel und Aggressionen

apfelstrudel2

Als mein Sohn mich letztens fragte, wie er seine Aggressionen am Besten abreagieren könne, ohne etwas ungewollt zu zerstören und mich fast zeitgleich eine Nachbarin fragte, ob ich Äpfel haben wolle, kam mir eine Idee, wie sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen ließen: Apfelstrudel. Den Teig muss man nämlich mit voller Wucht auf ein Brett schlagen, damit er richtig schön elastisch wird. Gedacht, getan. Mehlwolken stoben durch die Küche, während sich mein Sohn ungehemmt austoben konnte und es in vollen Zügen genoss. Endlich Mal ein Anwendungsgebiet, um Aggressionen als gutartiges Werkzeug zu nutzen. Und soo lecker!

Hier das Rezept:

für den Teig: 250g Mehl, 1/8l Wasser, etwas Salz, 40g Butter

für die Füllung: ca.1kg säuerliche Äpfel, 100g Rosinen, 50g geriebene Nüsse, etwa 3EL Zucker und Zimt nach Geschmack

( Butter zum Bestreichen)

Mehl, Wasser und Salz in eine Schüssel geben, die weiche Butter zugeben und alles sehr gut verkneten und so lange auf ein bemehltes Brett schlagen, bis der Teig glatt und elastisch ist. Mit einer angewärmten Schüssel zudecken und 20 Minuten ruhen lassen. In der Zwischenzeit die Äpfel schälen, Gehäuse entfernen und in kleine Schnitzel schneiden. Den Teig auf einer bemehlten Fläche ausrollen und dann auf ein bemehltes großes Küchentuch legen und vorsichtig zu allen Seiten hin mit den Fingern ziehen und dehnen, bis er gleichmäßig hauchdünn ist. Dickere Ränder abschneiden. Den Teig mit flüssiger Butter bepinseln und mit den Äpfeln , Rosinen, Nüssen , Zimt und Zucker bestreuen. Die vordere Kante des Tuchs anheben und vorsichtig den Teig Stück für Stück einrollen. Dabei die Seiten des Teiges nach innen einschlagen. Den Apfelstrudel vom Tuch auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech gleiten lassen. Mit Butter bepinseln und etwa 45 Minuten bei mäßiger Hitze( ca.160 Grad) backen. Noch warm mit Vanillesoße oder einer Kugel Vanilleeis genießen.

apfelstrudel

Greenhorn

papierfliegenFür viele Menschen ist ja Fliegen heutzutage so selbstverständlich wie mit dem Auto zu fahren. Vielleicht sogar selbstverständlicher, nennen Großstädter Letzteres ja immer seltener ihr Eigen, da sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln meist wesentlich schneller ans Ziel gelangen. Beispielsweise zum Flughafen. Ich dagegen fliege weder beruflich noch privat regelmäßig, sondern nutze für weitere Reisen meist das Auto und, wo es mir möglich ist, ganz old fashioned, die Bahn, obwohl zugegebenermaßen jeder zweite Zug Verspätung hat oder gar ausfällt. Aber da bin ich irgendwie erstaunlich leidensfähig, glaube ich doch noch irgendwie an das Gute bei der DB. Manche jungen Kosmopolit(inn)en, die in der ganzen Welt arbeiten und Party machen, denken gar nicht mehr darüber nach, ob es irgendeinen Sinn macht, zu fliegen und wählen beispielsweise für ihre Reise von Berlin nach Nürnberg den Flieger nach München, um von dort nach Nürnberg weiterzufliegen – bei näherer Betrachtung ein absurdes Unterfangen, aber kritische Fragen zum Umweltschutz existieren in ihrer Welt nicht. Genauso wenig, wie sie die Sinnhaftigkeit hinterfragen, ein Shirt aus einem australischen Online Shop zu ordern, das einmal um die ganze Welt zu ihnen geflogen wird, am Besten innerhalb 48 Stunden. Die Welt der unbegrenzten Möglichkeiten, wieso also nicht nutzen. Aber dazu ein andermal mehr, zurück zu mir. Wenn sich nämlich so ein Greenhorn wie ich zu einem Flug aufmacht, erlebt es mit höchster Wahrscheinlichkeit erst mal sein Wunder. Es wird nämlich vermutlich nicht mit den anderen Passagieren abheben. Die meisten Airlines buchen inzwischen über, damit sie keine Verluste einfahren, das heißt, wer zuletzt und vielleicht auch noch am Schalter eincheckt, hat verloren. Und das sind natürlich nicht die mit allen Wassern gewaschenen Vielflieger, die selbstverständlich online einchecken und einen Riesenaufstand fabrizieren, wenn man ihnen erzählt, sie seien STAND BY und könnten eventuell nicht mitfliegen. Wer am lautesten schreit, kommt mit, den anderen wird ein späterer Flug und ein Reisegutschein angeboten. Wohl dem, der dann keinen Anschlussflug erreichen muss. Ich bin also wieder nach Hause gegangen und bin am nächsten Morgen geflogen – was ich mit meinem Reisegutschein mache, weiß ich noch nicht. Von meinen drei beruflichen Inlandsflügen, die ich an diesem Tag antrat, hatte der zweite eineinhalb Stunden Verspätung und für die Strecke des Dritten hätte ich mit dem Auto zweieinhalb Stunden gebraucht. Das hat für mich alles nicht so recht Sinn gemacht. Aber meinen Horizont habe ich immerhin erweitert und weiß jetzt: immer online einchecken , das geht ganz leicht auf der Seite der Airline. Aber ob das noch so sein wird, wenn ich nächstes Mal fliege, das weiß ich nicht. Am Besten frage ich dann vorher jemanden, der sich damit auskennt und über meinen Erlebnisbericht gerade nur müde lächeln kann. Vielleicht hilft die kleine Episode aus meinem Leben irgendjemandem, planmäßig an seinem Reiseziel zu landen. Das würde mich freuen 🙂

Weg mit Wetter-Apps

Ich entwickle eine immer stärker werdende Abneigung gegen Wetter-Apps. Ich finde sie beeinflussen unser zwischenmenschliches Leben auf, wie ich finde, negative Weise. Auf einmal hast du nur noch Meteorologen als Freunde! Es gibt ja verschiedene Arten von diesen Apps und jede hat seine Anhänger. Da ist zum Beispiel die, die das Wetter auf das genaueste aber nur für die nächste viertel oder halbe Stunde voraussagt. Vor einiger Zeit hatten wir Freunde zu Besuch und als wir dann einen Spaziergang machen wollten wurde erstmal das Handy gezückt und genau eine solche App befragt. Dann kamen die genauen Vorgaben: Wir müssten entweder jetzt sofort los oder dann erstmal lange warten. Wir entschlossen uns dann zu gehen, brauchten aber mit drei Kindern natürlich noch etwa eine halbe Stunde bis wir loskonnten. Als wir zehn Minuten draußen waren, wurden wir dann darauf hingewiesen, dass wir jetzt wieder umkehren müssen, da es jetzt gleich regnen würde. Widersetzt man sich den Vorgaben und wird dann nass, erntet man als Ungläubige nur ein ‚Die App hats doch gesagt – hättest du mal auf mich gehört‘ – Kopfschütteln!

Eine andere Freundin hat neulich unser, für den Nachmittag geplantes Treffen in einem Schwimmbad in unserer Nähe abgesagt, weil es (laut Wetter-App) nachmittags regnen würde und sie dann lieber schnell bei ihr in der Nähe baden ginge. Es hat den ganzen Tag nicht einen einzigen Tropfen geregnet und meine Vorurteile haben sich bestätigt.

Ich meine, es gab ja immer schon Wettervorheragen und jeder liest, sieht oder hört sie über die jeweiligen Medien, aber meist glaubt ja keiner so richtig dran oder vorzugsweise nur, wenn das Wetter vorausgesagt wird, das man gerne hätte. Kommt dann wieder mal alles anders, schimpft man gemeinsam über die Meteorologen und ihre schlechten Vorhersagen. Sein Leben ließ man doch nur sehr begrenzt davon beeinflussen. Das ist jetzt anders. Aus mir unerfindlichen Gründen ist das Vertrauen in die Vorhersagen der Apps so groß, dass wir teilweise sogar minutengenau unsere Handlungen darauf ausrichten! Wo bleiben denn da Spontaneität und Romantik?

Wird denn jetzt nie mehr jemand vom Regen überrascht weren? Sind Filmszenen, in denen zwei Verliebte vor einem plötzlich losbrechenden Gewitter irgendwo Unterschlupf suchen und sich dann beim gegenseitigen Wärmen eine wunderschöne Romanze entwickelt, Geschichte? Heutzutage würde das Mädchen dem Jungen doch direkt unterstellen, dass er die Aktion mit Hilfe seiner Wetter-App genau geplant hat und ihn wütend im Regen stehen lassen. Gut Informierte werden das Haus bei vorhergesagtem schlechten Wetter gar nicht mehr oder nur noch mit kompletter Regenausrüstung verlassen.

Fast jeder von uns hat doch mindestens eine aufregende, lustige oder auch dramatische Wettergeschichte zu erzählen. Wollt ihr das euren Kindern wirklich vorenthalten? Dass sie all die unerwarteten, durch überraschende Wetteränderungen ausgelöste Erlebnisse und Begegnungen verpassen?

Also:  Lasst den Regen kommen und STREIK DEN WETTER-APPS !