Buchtipp: „Niemandsland“

niemandsland„Niemandsland“ von Caroline Brothers beginnt sperrig. Der dreizehnjährige Aryan und sein achtjähriger Bruder Kabir versuchen gemeinsam mit anderen Flüchtlingen über den Evros nach Griechenland zu gelangen. Hinter ihnen liegt schon eine endlos lange Reise von Afghanistan über den Iran in die Türkei, allein auf sich gestellt, da die Eltern und ein älterer Bruder getötet wurden. Caroline Brothers, die sich als investigative Journalistin und anderem für die New York Times, viele Jahre mit Migration und Flüchtlingsströmen beschäftigt hat, schildert absolut realistisch und detailliert die Flucht zweier Kinder und was sie beschreibt, raubt einem den Atem. Alle Informationen und Bilder, die ich in den letzten Jahren zum Thema Flüchtlinge gesammelt habe, setzen sich wie ein Puzzle zusammen und finden sich auf grausame und menschenunwürdige Weise bestätigt. Ausbeutung und Versklavung auf Obstplantagen, Treffpunkte von Landsmännern in Stadtparks, Lager aus Pappkartons im Winter, durchlaufene Schuhe, die Skrupellosigkeit von Schleppern, Mißhandlung und Polizeigewalt. Und mittendrin zwei Kinder, die sich gegenseitig Kraft geben und am Leben halten und diesen Wahnsinn zusammen durchmachen. Aryan, der nach besten Kräften versucht, für sich und den kleinen Bruder die richtigen Entscheidungen zu treffen und Kabir, der mit seinem unbedarften, fröhlichen Wesen Herzen öffnet. In dessen Gesicht die Männer auf der Flucht ihre Kinder oder Brüder wiederfinden, die sie zurücklassen mussten. Die Geschichte vom „Niemandsland“ ruft ein fast schmerzendes Bewusstsein für das Unrecht hervor, das Menschen auf der Flucht widerfährt, dass sich nicht mehr so einfach wegschalten lässt. Es sind eben nicht mehr nur „die Flüchtlinge“, es sind jetzt Aryan, Kabir, Hamid, Jonah oder Khaled, die diese unerträglichen Zustände aushalten müssen. Eigentlich hatte ich das Buch als Jugendbuch gekauft, wir haben es dann aber zusammen gelesen und das war auch gut so. Caroline Brothers hat eine Geschichte aus vielen Fluchtgeschichten unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge aufgezeichnet. Wer sie liest, wird nicht mehr mit Parolen gegen Flüchtlinge hetzen können, sondern ihnen mit Verständnis begegnen. „Niemandsland“ ist auch ein Buch für Erwachsene gegen die Gleichgültigkeit auf dieser Welt.

„Niemandsland“ von Caroline Brothers

Bloomsbury Verlag  ISBN 978-3-8270-1057-5

Volksbegehren Artenvielfalt (Bayern)

volksbegehren-artenvielfalt.pngSo, auch unsere Stimme ist jetzt gefragt, damit 1 Million zusammen kommen. Eine große Initiative setzt sich dafür ein, dass Bayerische Naturschutzgesetz zu verändern. Es geht um den Erhalt der Artenvielfalt, beispielsweise durch einen Biotopverbund, mehr Blühwiesen und weniger Pestizide, aber auch um Naturschutz als Teil der schulischen Bildung. Wer Genaueres lesen möchte, findet Infos hier:

Volksbegehren Artenvielfalt

Macht mit!

Die Anderen

die_anderen_sternKennt ihr sie auch, die Anderen, diese Lichtwesen, bei denen es zu Hause immer lustig und harmonisch zugeht, die immer gut gelaunt und verständnisvoll sind und noch dazu total gut kochen können? Das Interessante daran ist, dass das, was mir meine Kinder von den Familien ihrer Freunde berichten, wiederum die Freunde meiner Kinder ihren Eltern über uns erzählen. Wie kann das sein? Ich, die ich die am wenigsten Nette aller Mütter bin, die Strengste und Unnachgiebigste, schaffe anderen Kinder eine heimelige Atmosphäre am Herd? Unvorstellbar. Oder wie meine Freundin es bei ihrem letzten Besuch formulierte: Ihr seid eine richtige Bilderbuchfamilie. Ha, wir sind sicherlich viel, aber bestimmt keine Bilderbuchfamilie. Naja, vielleicht doch, beim Bilderbuch bleibt ja vieles unausgesprochen, es geht eben vor allem um schöne Bilder. In Bilderbüchern finden sich jedenfalls keine Essays darüber, wie sich Eltern beispielsweise in „Alt-ehe-distanz“ üben ( ein herrliches Zitat jener Freundin) oder wie die Kinder cholerische Anfälle bekommen, weil sie im Unterzucker sind oder ob die Mutter rummotzt, weil mal wieder jeder seine Sachen hat liegen lassen oder sie einfach völlig am Limit ist. Diese unschönen Situationen des Alltags finden allerdings eher nicht statt, wenn Freunde zu Besuch sind. Man nimmt sich Zeit, räumt vorher auf, backt vielleicht einen Kuchen und sitzt dann einfach ganz entspannt zusammen, weil ja alles erledigt ist und man einfach nur mal schnacken kann. Die Kinder spielen ausgiebig und zufrieden und müssen keine Hausaufgaben machen. Man kann sich von seiner besten Seite zeigen und auch der vielleicht sonst eher stille Gatte plaudert ganz angeregt und man erfährt Dinge, von denen man bis lang nicht das Geringste ahnte. (Ach, das ist übrigens ein Tipp für langjährige Ehen, wie ich letztens gelesen habe. Sich öfter mal mit anderen Paaren zum Ausgehen verabreden. Soll sehr befruchtend sein, wie auch immer das gemeint war.) Also, zurück zur Sache. Wenn eure Kinder das nächste Mal von den Anderen schwärmen, klopft euch auf die Schulter und freut Euch im Stillen, denn ihr wisst Bescheid. Denn auch ihr seid die Anderen. Herzlichen Glückwunsch!

 

Buchtipp: „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen

In den letzten Monaten sind mir so viele gute Bücher untergekommen, dass ich langsam einen Bücherblog bestücken könnte. Naja, dazu würde es vermutlich nicht ausreichen, aber das ein oder andere Werk möchte ich gerne mit Euch teilen.

Anfangen möchte ich mit „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen. Dieser Roman erzählt die Geschichte des kleinen friesischen Dorfes Brinkebüll und seiner Bewohner, beginnend in den 60er Jahren.

mittagsstunde

Da gibt es beispielsweise Dora Koppmann, die den Dorfladen führt und sich gerne „über die Gören mit den klebrigen Gesichtern und den Grabbelfingern“ ärgert. Oder den Dorflehrer Steensen, der auch mal einen „Dööskopp“ und ein „nichtsnutziges Stück Kind“ im Unterricht züchtigt und von dem sich keiner vorstellen kann, dass er jemals etwas anderes als Lehrer gewesen sein könnte. Oder auch Marret Ünnergang, von der niemand weiß, warum die so „verdreiht“ ist und die lieber über Trampelpfade streunt und Schneckenhäuser und andere Fundstücke sucht, als der Mutter in der Dorfwirtschaft zu helfen.

Der Roman erzählt vom Dorftrinker, dem Pastoren, den Bauern, der Bäckersfamilie und allen anderen „Dörpsmenschen“ und von Ingwer Feddersen, der in eben dieses Dorf hineingeboren wird, es aber als einer der wenigen auch wieder verlässt, weil er zunächst die höhere Schule besucht, um nach dem Abitur in Kiel Archäologie zu studieren und dort zu bleiben. Er lebt dort in einer freigeistigen Wohngemeinschaft, mit Ranghild, rebellischer Tochter aus gutem Haus, mit der er auch manchmal das Bett teilt, und Claudius, großspurigem Spross einer Juristenfamilie.

Ingwer, der sich aufgrund seiner Herkunft den Akademikern aus gutem Haus nie ganz zugehörig gefühlt hat, merkt mit knapp 50, dass er sich nach Verbindlichkeit und Zugehörigkeit sehnt und diese in seinem jetzigen Leben nicht findet. Er möchte herausfinden, wo er hingehört und beschließt ein Sabbatical zu nehmen und nach Brinkebüll zurückzukehren, um Ella und Sören Feddersen zu pflegen, die ihn großgezogen haben. Sören, der, inzwischen 92 Jahre alt, noch immer, je nach Tagesform mit oder ohne Rollator, hinter dem Tresen der in die Jahre gekommenen Dorfschenke steht, hat es Ingwer immer übel genommen, dass er das Dorf verlassen hat, anstatt seine Nachfolge anzutreten. „Ha! Op de hoge School!“, zu den „Studierern“, waren seine Kommentare zum Lebensweg des Jungen. Die Szenen, in denen Ingwer Feddersen nun seine Zieheltern einfühlsam pflegt, haben mich sehr berührt.

Dörte Hansen beschreibt liebevoll und plastisch die knorrigen Charaktere Brinkebülls, bestückt mit plattdeutschen Ausdrücken, die die Personen noch lebendiger machen. Sie erzählt von den ungeschriebenen Gesetzen, die das Dorfleben regeln, vom Wegschauen, Vertuschen und Zusammenhalten. Die Autorin verdeutlicht aber auch beeindruckend den Wandel des dörflichen Lebens durch Flurbereinigungsmaßnahmen, den Ausbau von Straßen und die Optimierung landwirtschaftlicher Betriebe. Vom ursprünglichen Dorfleben ist nicht mehr viel übrig, als die ersten Großstädter beginnen, draußen auf dem Land ihr Glück zu suchen.

Ein intensiver und trotzdem leichtfüßiger Roman!

 

Dörte Hansen, „Mittagsstunde“

Penguin Verlag  ISBN: 978-3-328-60003-9