Wo bist Du, Willi Wiberg?

Wo bist du, Willi WibergObwohl Gunilla Bergström Alfons Aberg, oder wie er bei uns heißt, Willi Wiberg, bereits 1972 erschaffen hat, habe ich ihn erst in jüngster Zeit entdeckt und bin froh darüber, dass seine Existenz nicht gänzlich an mir vorbei gegangen ist. Willi ist nämlich wunderbar. Willi lebt mit seinem Vater in einer Wohnung in der Stadt und durchlebt da vieles, was ein kleines Kind eben so durchleben muss. Und das sind nicht immer die großen Abenteuer, sondern Situationen des Alltages, denen er sich stellen muss – mit all seinen Enttäuschungen, dem Ringen um Fassung, der Wut, der Freude und dem Trotz. All die Dramen des Alltags, in denen wir uns wieder finden, vom „Nicht ins Bett gehen wollen“, über das „Nicht fertig werden“ oder „Alles sofort wollen“. Das könnte auch der Stoff für diese schrecklichen Kinderbücher mit pädagogischem Mehrwert sein, aber darum geht es Gunilla Bergström nicht. Sie zeigt den Zauber und die Magie dieser Situationen mit ihren klaren und reduzierten Illustrationen. Besonders gut gefällt mir das fast schon philosophische „Wo bist Du, Willi Wiberg?“, in dem sich Willi die Frage stellt, wo er zu Ende ist. Ist er auch die Luft, die er ausatmet oder ein Teil der Gedanken seines Freundes? Ein wunderbar kluges Buch und ein Gedankenspiel, das nicht nur Willi Spaß macht.

Für Kinder ab 4 Jahren

ISBN-13:978-3-7891-7756-9, Oetinger

Optimierte Kindheit

Dieser Tage flatterte mal wieder eine Einladung zu einem Kindergeburtstag ins Haus. Da stand geschrieben: Meinen Wunschzettel findest Du bei Amazon. Die vorangegangenen Einladungen enthielten den Hinweis auf den Geschenketisch beim ausgesuchten Spielwarenfachhandel, in der Art, wie man ihn sonst nur von Hochzeitseinladungen kennt. Neben dem altbekannten Gutschein scheinen dies momentan die beliebtesten Möglichkeiten zur Abwicklung von Wunschanfragen geladener Kindergeburtstagsbesucher(innen) bzw. deren Eltern zu sein. Eine wunderbare Sache, dachte ich anfangs erfreut, um auch wirklich das zu schenken, was das Kind sich wünscht. Es hat sich ja eben diese Sachen selbst ausgesucht. Bin ich doch selbst stets bemüht, unnötigen Krusch von zuhause fernzuhalten und die Flut von (unnützen) Geschenken zu minimieren. Aber irgendwann regte sich Widerstand in mir. Sollte nicht jedes Kind das Recht haben, etwas richtig Doofes geschenkt zu bekommen? Aber vielleicht auch etwas ganz Ungewöhnliches, was weder das Kind noch seine Eltern sonst entdeckt hätten und was vielleicht riesen Spaß macht? Ich denke, wir könnten es wagen, dieses Risiko einzugehen. Einfach mal so ganz die Kontrolle verlieren. Total crazy.

Es geschah an einem Sonntag…

Ich liebe es, sonntags, als eine Art Downer zum Abschluss des Wochenendes, TATORT zu gucken. Meist steige ich allerdings erst so gegen 21Uhr ein, wenn die Leiche bereits gestorben ist und die Ermittlungen ihren Verlauf genommen haben. Vorher bekomme ich die Kinder einfach nicht ins Bett. Als ich an jenem Sonntag mal wieder den Wettlauf gegen die stark voranschreitende Zeit antrat, brummelte ich vor mich hin: „Mist, jetzt fängt der Tatort gleich an.“ Mein neunjähriger Sohn erwiderte großzügig: „Du brauchst mir heute nichts vorlesen.“ Ich: „Du, das ist total lieb von Dir, aber ich muss ja Deinem kleinen Bruder noch vorlesen.“ Er (wörtlich): „Mama, knall Dich vor die Glotze, ich übernehme das!“ Tja, Kinder werden groß und so saß ich tatsächlich pünktlich zum Tatort Intro um 20.15h vor dem Fernsehen und freute mich ein Loch in den Bauch.

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Erzähl uns mehr, Khaled!

Schon die ersten beiden Romane von Khaled Hosseini habe ich verschlungen und vor allem „Drachenläufer“ ist eines meiner Lieblingsbücher.

In seinem dritten Buch „Traumsammler“ wird noch deutlicher, was man aus den ersten beiden Büchern schon weiß: Der Autor ist ein fantastischer Geschichtenerzähler. Auch dieser Roman handelt wieder von seiner Heimat Afghanistan und vor allem von Menschen, die mit dem Land verbunden sind. Diesmal erzählt er uns in einzelnen oft tragischen, teils amüsanten, aber immer höchst spannenden Geschichten von außergewöhnlichen Schicksalen aus verschiedenen Teilen der Erde, die alle irgendwie zusammenhängen.

Das Besondere an seiner Erzählweise ist, dass er auf seltsame Art objektiv bleibt und oft schreckliche und grausame Begebenheiten ohne Pathos und Gefühlsduselei schildert, man als Leser aber trotzdem in seinen Bann gezogen wird. Und obwohl zumindest ich mich mit den Figuren nicht direkt identifizieren kann, weil sie und ihre Schicksale meist zu ungewöhnlich sind, fiebert man doch mit ihnen mit, lacht über die Dinge, die ihnen geschehen und weint für sie.

So war mir dieses Buch schließlich auch viel zu schnell zu Ende; ich hätte gerne noch mehr mit den Menschen erlebt, sie weiter in ihrem Leben begleitet.   Also, erzähl uns mehr, Khaled! Ich freue mich schon auf deinen nächsten Roman.

Khaled Hosseini, Traumsammler, Fischerverlage, ISBN: 978-3-10-032910-3

 

How to treat a model

Ich muss heute mal ein paar Sätze zu einem Thema schreiben, mit dem viele von Euch wohl gar nicht in Berührung kommen werden, manche aber vielleicht doch als Produktmanager oder Fachkauffrau/-mann im Marketing oder einem der vielen anderen Berufe, die mit Werbung zu tun haben. Es könnte nämlich eigentlich alles so einfach sein. Eins voraus: in den 15 Jahren, in denen ich intensiv mit Modellen zu tun habe, sind mir etwa drei echte Zicken untergekommen. Alle anderen Models haben einen guten, entspannten, professionellen Job abgeliefert. Manche Kunden haben das allerdings sicherlich anders gesehen. Und das liegt an der Einstellung mancher Auftraggeber. Sie zahlen viel Geld für ein Model und sind daher der Meinung, dass sie ihm alle menschlichen Bedürfnisse absprechen dürfen und das Model zu funktionieren hat. Wer selbst schon einmal vor einer Kamera gestanden hat, weiß, wie wichtig es ist, sich wohl zu fühlen. Das ist bei einem Model nicht anders, auch wenn es zu einem weit aus höheren Grad seine wahren Gefühle überspielen kann. Aber auch bei größter Professionalität gefriert das Lächeln irgendwann, wenn einem kalt ist, man Hunger hat, keine Pause bekommt und der Kunde ständig hinter vorgehaltener Hand tuschelt und unzufrieden schaut. Auf eine klare Ansage kann ein Model weitaus sinnvoller reagieren, als wenn sich Kunde und Fotograf hinter dem Bildschirm besprechen, ohne das Feedback weiterzugeben. Sollte das Model an sich nicht gefallen, sollte man es lieber nach Hause schicken und neu buchen, denn daran wird es nichts ändern können. Weiterlesen